Schlagabtausch zwischen Handke und „FAZ“-Autor nach Ehrungen

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Das Verhältnis zwischen Peter Handke und Medien ist bekanntlich kein leichtes. Aktuell liefern sich der österreichische Literaturnobelpreisträger und „FAZ“-Korrespondent Michael Martens einen öffentlichen Schlagabtausch. Anlass sind die jüngsten serbischen Ehrungen für Handke, die Martens kritisch unter die Lupe nahm. Der Gewürdigte schrieb daraufhin einen Leserbrief, in dem er beteuert, von den Auszeichnungen überrascht worden zu sein, und Martens Falschzitierung vorwirft.

Vor zwei Wochen wurde Handke in Banja Luka mit dem höchsten Orden der Republika Srpska ausgezeichnet. „Er steht nun in einer Reihe mit anderen berühmten Trägern dieser Auszeichnung, so den zu lebenslanger Haft verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechern Ratko Mladic und Radovan Karadzic oder dem serbischen Rechtsradikalen und einstigen Freischärlerführer Vojislav Seselj“, analysierte Martens kürzlich in seinem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Handke hielt in einem am Freitag veröffentlichten, mit der Überschrift „Seelenheimat Sprache“ versehenen Leserbrief, der auf den 18. Mai datiert, fest, von der Ehrung überrascht gewesen zu sein. „Erst einmal ersuche ich, mir zu glauben, daß ich auf die beiden offiziellen Auszeichnungen während dieser Reise mitnichten gefaßt war, weder auf den ‚höchsten Orden der bosnischen Serbenrepublik‘ noch, jenseits der Grenze dann in Belgrad, auf den ‚Orden des Karadjorcsterns der ersten Stufe‘.“ Letzten hatte Handke einige Tage später entgegengenommen. Einziger Grund seiner Reise sei gewesen, den Großen Ivo-Andric-Preis in Visegrad entgegenzunehmen.

„Daß ich zuvor in Banja Luka von mir gegeben haben soll: ‚Das ist ein großer Augenblick für mich‘, ist Unsinn“, versichert Handke in seinem Schreiben an die „FAZ“. Martens hatte den Schriftsteller zuvor in seiner Abrechnung derart zitiert. Auch gegen den Begriff „Seelenheimat“, den der Journalist im Zusammenhang mit Handkes Beziehung zu Serbien verwendet, wehrt sich der Nobelpreisträger. „‘Seelenheimat‘: ja, recht. Aber kein Land, weder Serbien noch Österreich noch Alaska. Und schon gar kein ‚Volk‘. Oder vielleicht doch: das, an dieser Stelle nicht zum ersten Mal bei mir mithineinspielende ‚Volk der Leser‘. Und dazu nicht bloß ‚vielleicht‘, vielmehr Gewißheit (noch so eine, so seltene): Seelenheimat Sprache, in meinem Fall, von Alpha bis Omega, die deutsche. Eine solche Heimat wäre auch Ihrem Balkanexperten zu wünschen - sofern es nicht, in seinem Fall, dafür längst schon zu spät ist“, schließt Handke seinen Brief.

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Martens wiederum reagierte heute in einem vom Zsolnay Verlag - dort brachte er 2019 die Andric-Biografie „Im Brand der Welten“ heraus - veröffentlichten Statement postwendend auf die Angriffe Handkes. Darin zeigt er sich überrascht über die Überraschtheit der Schriftstellers - denn schließlich sei dessen Ehrung mit dem „Orden des Karadjorcsterns“ seit dem Vorjahr bekannt, die kürzliche Zeremonie selbst nur ein nachholender Akt gewesen. Und überhaupt: „Wenn Staaten nun anfangen, wahllos in der Gegend herumzuehren, ohne die Geehrten davon auch nur in Kenntnis zu setzen - wie sollen Dichter da noch den Überblick behalten? Kann Saša Stanišić mit Sicherheit ausschließen, dass er für ‚Herkunft‘ nicht die goldene Ehrennadel des texanischen Zweigs der Proud Boys (Sektion El Paso) bekommen hat? ... Weiß Daniel Kehlmann mit Sicherheit, dass ihm für ‚Die Vermessung der Welt‘ nicht die Große Juche-Spange der Stadt Pjöngjang mit Eichenlaub zuerkannt wurde?“

Mit Befremden merkt der „FAZ“-Korrespondent an, dass Handke auf die Feststellung, er stehe mit dem Orden der Republika Srpska nun in einer Reihe mit Kriegsverbrechern, nicht eingehe. „Weil es ihn nicht stört? Davon muss wohl ausgegangen werden.“ - „Mir scheint, Handkes Leserbrief ist mindestens so glaubwürdig und überzeugend wie seine Aussagen zu den Balkankriegen und sein gesamtes politisches Engagement. Die Auszeichnungen, die er nun angenommen hat, sind seiner würdig“, so Martens.


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