„SZ“-Doku-Macher Sager: „Sehe mich als Chronist“

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Im Rahmen einer Doku zum Thema Investigativjournalismus hat Daniel Sager zwei Jahre lang Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) begleitet. Welche Storys diese Zeit bringen würde, war zu Beginn völlig offen, wie er im Gespräch mit der APA sagt. Dass just in dieser Zeit das Ibiza-Video auftauchte, macht seinen Dokumentarfilm „Hinter den Schlagzeilen“, der am 3. Juni beim Linzer Filmfestival Crossing Europe Premiere hat, aus österreichischer Sicht umso spannender.

„Die SZ hat ein Investigativ-Ressort, das sich in der Vergangenheit durch verschiedene Recherchen etwa zu den Panama- oder den Paradise-Papers bemerkbar gemacht hat“, begründet er, warum seine Wahl auf die „SZ“ fiel. Zudem habe dort Offenheit für sein Projekt bestanden. „Als wir begonnen haben, war nicht klar, um welche Recherchen es gehen wird“, schildert Sager die Anfangssituation. „Natürlich habe ich sehr viel Geduld gebraucht in diesem gesamten Prozess. Weil Investigativjournalismus geht ja nicht besonders schnell und hat oft mit Schreibtischarbeit zu tun“, oft hieß es einfach warten. Manchmal habe er tagelang nichts Verwertbares gedreht, „von anderen Tagen sind zwei Minuten in den Film gekommen.“

Eine besondere Herausforderung war der Umgang mit dem Quellenschutz, der unter allen Umständen gewahrt werden musste. „Ich musste mir überlegen, wie kann ich die Geschichte trotzdem erzählen, auch wenn Teile fehlen. Es gab durchaus Situationen, wo wir nicht dabei sein konnten“, etwa bei den Treffen mit Informanten aus dem Geheimdienst-Milieu. „So ist es dazu gekommen, dass der Film mit Auslassungen erzählt - die Protagonisten laufen in die Dunkelheit. Man merkt, dass viele Leute getroffen wurden, aber die Kamera nicht dabei war und es wurde im Nachhinein nur darüber gesprochen“, erklärt er die Stilmittel, zu denen er in diesen Situationen gegriffen hat.

„Relativ am Anfang kam es dann zum tragischen Tod von Daphne Caruana Galizia (am 16. Oktober 2017 ermordete maltesische Journalistin, Anm.) und es war sofort klar, das muss Teil des Films sein“, so kam allmählich Geschichte zu Geschichte. „Vom Ibiza-Video habe ich ein Jahr vor der Veröffentlichung erfahren, aber mir haben bestimmte Informationen aus Gründen des Quellenschutzes zu dem Zeitpunkt gefehlt“, auch war noch nicht klar, ob die Geschichte je veröffentlicht wird. Dass es um den damaligen österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache geht, habe er anfangs nicht gewusst. „Trotzdem wusste ich, dass es eine ganz besondere Geschichte ist, die ich unbedingt im Film haben wollte.“ Als dann Jan Böhmermann über den - zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit noch nicht bekannten - Ibiza-Abend herzog, „kamen natürlich Fragen auf“. Aber: „Ich war da relativ emotionslos dabei. Ich sehe mich als Dokufilmer, als Chronist“, meint Sager. Wenn die Sache vorzeitig aufgeflogen wäre, „wäre das Teil meiner Geschichte gewesen“.

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Er habe zwar während der Dreharbeiten „nie das Gefühl gehabt, dass ich selbst in Gefahr bin oder die Journalisten der SZ“. Ein „kritischer Augenblick“ sei dennoch die Moskau-Reise gewesen, bei der es zu einem Treffen mit Edward Snowden kam. Denn Frederik Obermaier und Bastian Obermayer hätten „durch die Panama-Papers kriminelle Tätigkeiten in Putins Umfeld offengelegt“. Daher sei der Zeitpunkt des Trips rund um die Fußball-WM „an sich schon eine Sicherheitsmaßnahme“ gewesen.

Angesichts der Informationsflut durch die Digitalisierung sieht Sager die Aufgabe des Journalismus heute zunehmend darin, „das zu filtern, das einzuordnen, Fake News nachzugehen und den Sachen auf den Grund zu gehen, die wirtschaftliche und politische Organisationen versuchen vor uns geheim zu halten“. Investigativer Journalismus bedeute für ihn, „dass die journalistische Arbeit etwas ans Tageslicht befördert, was sonst verborgen geblieben wäre. Das kann auf regionaler Ebene genauso stattfinden wie auf internationaler“, beides könne „wichtige gesellschaftliche Auswirkungen haben“.


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