Debütalbum: Birgit Minichmayr singt Shakespeare-Sonette

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Eigentlich steckt Burgschauspielerin Birgit Minichmayr (44) mitten in den Proben zu „Maria Stuart“. Die Inszenierung von Martin Kusej, in der sie die Titelrolle spielt, wird am 14. August bei den Salzburger Festspielen Premiere haben. Bereits diesen Freitag erscheint jedoch ihr Debütalbum als Sängerin, das sie Ende Jänner in München aufgenommen hat. Auf „As an unperfect Actor“ (Act Music / Vertrieb: Edel) singt sie neun Shakespeare-Sonette.

Der Pianist Bernd Lhotzky hat als Mastermind des Projekts die Stücke ausgesucht und jeder Nummer eine eigene Klangfarbe gegeben, von Jazz bis Tango. Er und die Band Quadro Nuevo (Mulo Francel, Andreas Hinterseher, Philipp Schlepek und D.D. Lowka) untermalen dabei die charakteristisch rauchige Stimme der Schauspielerin, die schon vor ein paar Jahren mit Campino im Duett begeisterte und daraufhin Plattenangebote bekam. Warum sie damals „fast so etwas g‘schamig“ reagierte und beim Singen nervöser ist als beim Spielen, warum sie die Zeit des Lockdowns „sehr genossen“ hat, woran die „Tosca“ gescheitert ist und wie sich die Proben zu „Maria Stuart“ angelassen haben, erzählt sie im Interview mit der APA.

APA: Frau Minichmayr, wäre das Album ohne Corona nicht entstanden - oder ist das ein Projekt, das auf jeden Fall gekommen wäre?

Birgit Minichmayr: Ich glaube, es wäre auf jeden Fall gekommen. Corona hat uns aber die entspannteste Zeit geschenkt, das zu entwickeln und einzustudieren. Wir haben mit Quadro Nuevo eine Band dabei, die an die 200 Auftritte im Jahr macht, und als wir im Dezember des Vorjahres bei unserem ersten Treffen Termine durchgegangen sind, war das ganz schön schwierig. Doch dann wurde ja der Lockdown verlängert und verlängert. Ohne Lockdown hätten wir uns nie so geschmeidig treffen können.

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APA: Die Idee soll anlässlich des Dorothy Parker-Projekts entstanden sein, mit dem Sie am 10. Juni auch im Theater im Park auftreten?

Minichmayr: Ja, genau, das mache ich mit Louis Mazetier und Bernd Lhotzky. Eigentlich lese ich dort ja die „New Yorker Geschichten“ von Dorothy Parker, die spielen in den 20er-Jahren. Es gibt aber ein Lied von Cole Porter, „One of those things“, das mit der Zeile anfängt: „As Dorothy Parker once said“. Das hat dazu geführt, dass ich gesagt habe: Wollen wir nicht am Schluss dieses Lied spielen und ich singe dazu? Wir haben das ausprobiert - und es hat gut funktioniert. Bernd hat dann die Idee mit den Shakespeare-Sonetten gehabt, das Ganze komponiert, die Band ausgewählt und mich mit ihnen zusammen gebracht. Er selbst spielt ja auch Klavier auf der Platte.

APA: Vielen Burgtheater-Besuchern sind die Konzerte mit den Toten Hosen in Erinnerung, wo Sie mit Campino im Duett „Auflösen“ gesungen haben. Damals haben doch auch schon viele gesagt: Warum singt die Minichmayr nicht noch mehr?

Minichmayr: Ich habe ja auch ein paar gesangliche Ausflüge am Theater gemacht, den Liederabend „Pompes Funebres“ von Franz Wittenbrink, mit Stefan Pucher den „Struwwelpeter“ oder in Berlin die „Dreigroschenoper“ in der Inszenierung von Klaus Maria Brandauer, wo ich Campino begegnet bin. Damals kam jemand von einem Plattenlabel auf mich zu und meinte: „Lass uns doch Musiker für Dich finden, Du müsstest doch singen!“ Mir erschien diese Idee als viel zu konstruiert, und ich war fast so etwas g‘schamig dabei. Solche Sachen fallen oder stoßen mir zu, die nehme ich dann als Impuls. Von selber wäre ich nie auf die Idee gekommen mit Bernd Sonette zu machen oder „Auflösen“ zu singen. Ich lass mich gerne treiben und mitreißen, aber ich bin da nicht proaktiv.

APA: Hat dieses g‘schamig Sein auch damit zu tun, dass Sie beim Singen weniger Vertrauen in Ihr Handwerk haben als beim Schauspielen?

Minichmayr: Das stimmt, das kommt von einer gewissen Unsicherheit. Dass man bei einer Premiere nervös ist, das kenn‘ ich ja, aber bei den Abenden, an denen ich gesungen habe, ging das einfach nicht weg: permanente Text-Vergessens-Angst und permanente Versingungs-Angst! Da ist die Hürde für mich auf alle Fälle viel höher. Wenn ich es mache, macht es mir aber wahnsinnig viel Spaß. Ich hatte aber bei den Sonetten schon ganz gut zu tun beim Einstudieren. Bernd kommt ja aus dem Jazz-Bereich, und ich konnte diese Lieder nicht eben so mal runterträllern. Ich hatte aber einen tollen Menschen, der das mit mir geübt hat. Im Lockdown wieder Livemusik zu hören und zu machen hat mich unglaublich beflügelt.

APA: Weiß man schon, ob und wann die Sonette live zu hören sein werden?

Minichmayr: Wir sind gerade am Basteln, aber das ist ziemlich schwierig, weil sich derzeit alle auf einen stürzen. Bei den Musikern ist das ganz extrem, da sie alle Termine, die bei Corona abgesagt wurden, nun nachholen müssen. Jetzt suchen wir krampfhaft einen Schlupfwinkel. Es ist nicht so leicht die drei Parteien - mich, Bernd und Quadro Nuevo - zusammenzubringen, weil etwa die Musiker der Band diverseste Nebenprojekte haben.

APA: Die Salzburger Festspiele müssten sich ja darum reißen, einen Auftrittstermin zustande zu bringen in der Zeit, in der Sie für „Maria Stuart“ ohnedies in Salzburg sind?

Minichmayr: Also, bis jetzt gab es noch keinen Anruf...

APA: Von 154 Shakespeare-Sonetten finden sich genau neun auf der Platte. Nach welchen Kriterien wurde die Auswahl getroffen?

Minichmayr: Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich hab bei dieser ganzen Unternehmung die Füße hoch gelegt, denn Bernd hat sich da voll eingebracht. Er kannte sich bei den Sonetten total aus, hat sie ausgesucht und dazu komponiert. Ich hab immer nur die Kompositionen bekommen und konnte dazu nur noch sagen: Ach, wie schön! Bernd hat alles gemacht, wir haben nur gemeinsam erarbeitet, welche Stimmung oder welcher Stimmklang besser passt. Das war meine Aufgabe.

APA: In den Sonetten werden Geschichten erzählt, die wie Minidramen wirken. Das Ganze ist schon sehr theatral...

Minichmayr: Ja, und das hat mir auch die Brücke zu dieser Unternehmung so leicht geschlagen. Ich komme schließlich vom Theater und wusste: Wenn Bernd eine Jazzsängerin möchte dafür, dann hat er tausende, die er anrufen kann. Es ging ihm eben auch um eine Form von schauspielerischem Zugang, wie er meinte.

APA: Das heißt, Ihre Erfahrung mit den Songs der „Dreigroschenoper“ hat Ihnen dabei mehr geholfen als Ihre Erfahrung mit Ihren bisherigen Shakespeare-Rollen wie der Lady Macbeth oder der Ophelia?

Minichmayr: Ja, absolut - außer, dass man das vielleicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann, dass diese Interpretationsvielfalt sowohl in seinen Stücken wie in seinen Sonetten zu finden ist. Das Gestalterische lag aber weniger in der Erfahrung, Shakespeare schon gespielt als andere Sachen schon gesungen zu haben.

APA: So unerfahren sind Sie dabei aber gar nicht: Es gab ja auch mal ein Platten-Projekt mit Wolfgang Mitterer.

Minichmayr: Stimmt, „Sopop“ war mein allererster Ausflug in dieses Genre und meine erste Platte. Das war ganz toll und hat wahnsinnig Spaß gemacht. Da hat er mir Texte gegeben, die ich eingesungen habe, und er hat die gesampelt und bearbeitet. Das war eher eine elektronische Platte.

APA: Dafür ist ja aus Ihrer Tosca am Burgtheater nichts geworden.

Minichmayr: Ja, das bedaure ich sehr.

APA: Alle dachten bei der kurzfristigen Absage, dass Sie sich mit Regisseur Kornel Mundruczo zerstritten haben. Wie war es wirklich?

Minichmayr: Es hängt einem natürlich nach, wenn man einmal ein Stück abgesagt hat, wie in meinem Falls damals „Lulu“. Dann glaubt jeder, dass man der Täter ist, wenn ein weiteres Stück abgesagt wird. Ich war es aber nicht. Ein anderer Kollege hatte Schwierigkeiten. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil ich nicht für jene sprechen mag, das sollen sie bitte selber tun. Ich hingegen war heiß verliebt in Kornel Mundruczo. Das war ein lang ersehnter Regisseur, dessen Filme und Theaterarbeiten ich schon lange Zeit verfolgt hatte. Endlich klappte diese Begegnung, doch leider, leider...

APA: Dafür klappt nun „Maria Stuart“, wo Sie die Titelrolle spielen. Martin Kusejs Inszenierung hätte ja schon vor einem Jahr herauskommen sollen. Wie hält man so ein Projekt ein Jahr lang frisch?

Minichmayr: Es gab damals ja noch keine einzige Probe dafür. Wir standen zwei Monate davor. Es ist also wie neu.

APA: Und, wie lässt es sich an?

Minichmayr: Es ist eine gute Fassung, finde ich, die knackig und gut gemacht ist. Wir sind da jetzt erst seit zwei Wochen zugange, und das ist so eine Zeit, wo ich noch gar nichts sagen kann - außer, dass ich gerade „Kinder der Sonne“ in der Bearbeitung von Simon Stone geprobt hatte. Sprachlich ein Unterschied wie Tag und Nacht.

APA: Ihre fixe Rückkehr nach Wien haben Sie bisher noch nie bereut? Für Corona können die Wiener ja nichts.

Minichmayr: (lacht) Ich habe kleine Kinder - und Abend für Abend zu Hause zu sein, war für mich ein sehr schönes Geschenk. Ich musste mir die Zeit nicht totschlagen. Ich habe es sehr genossen.

APA: Viele Schauspieler haben mir erzählt, sie hätten die ersten vier bis sechs Wochen als Geschenk empfunden - und dann habe es zu kribbeln begonnen und sie hätten manisch nach Projekten gesucht.

Minichmayr: Nein, das hatte ich gar nicht. Natürlich übe ich gerne meinen Beruf aus - aber ich kann mich auch mit anderen Sachen beschäftigen. Es war ja ein Zustand, bei dem man sich nicht für immer und ewig verabschieden musste, sondern man wusste ja: Es kommt schon irgendwann wieder. Irgendwann kann man wieder auf die Bühne.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)


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