Schloss Hartheim bekommt eine neue Dauerausstellung

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Der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Oberösterreich bekommt eine neue Dauerausstellung. Im Zentrum stehen neben der Geschichte des Ortes als ehemalige NS-Tötungsanstalt Fragen des Umgangs mit Menschen mit Behinderung. Der Bogen der ab Freitag offenen Schau mit dem Titel „Wert des Lebens. Der Umgang mit den Unbrauchbaren“ spannt sich von der historischen Entwicklung diverser Geisteshaltungen bis hin zu aktuellen Fragen wie Genmanipulation, Abtreibung und Sterbehilfe.

Die Nazis wandelten das einstige Pflegeheim im Schloss Hartheim in Alkoven (Bezirk Eferding) in eine Euthanasieanstalt um und ermordeten hier zwischen 1940 und 1944 rund 30.000 Menschen - teils Patienten und Bewohner von psychiatrischen Anstalten und Fürsorgeeinrichtungen, teils auch KZ-Häftlinge. „Das ist etwas, was Menschen ersonnen haben“, betonte LH Thomas Stelzer (ÖVP) bei der Präsentation der Ausstellung am Dienstag mit der Obfrau des Vereins Schloss Hartheim, Brigitte Kepplinger, und dem Leiter des Lern- und Gedenkorts, Florian Schwanninger, die Verantwortung der Gesellschaft. Heute ist das Haus daher ein vom Land finanzierter „Lern- und Gedenkort“, seit 2003 wird hier eine Dauerausstellung gezeigt. Die Neu-Kuratierung hat sich zuletzt Corona-bedingt etwas verzögert, nun ist die Schau aber beinahe fertig und wird Ende der Woche eröffnet. Führungen sind bereits buchbar, Vermittlungsprogramme und Workshops starten im September.

Mit dem Einzug eines naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes seien auch Werte wie Messen, Einteilen und Bewerten und der Wunsch nach dem Eingreifen in die Natur und in die menschliche Gesellschaft stärker in den Vordergrund getreten, so Schwanninger. „Das hatte auch Auswirkungen auf Menschen mit Behinderung.“ Auch wenn die Nazis biologistische Ideen auf die Spitze getrieben und die Euthanasie industrialisiert haben, so war Eugenik aber keine deutsche Erfindung, viele Bestrebungen in dieser Hinsicht gab es vor allem im angelsächsischen Raum.

So begründete etwa der englische Philosoph Jeremy Bentham im 18. Jahrhundert den Utilitarismus - wichtig war im Lichte der Industrialisierung alleine die Nützlichkeit eines Individuums. Das von ihm entworfene Gebäude zur totalen Überwachung eignete sich seiner Ansicht nach für Arbeiter ebenso wie für Menschen mit Behinderung. In den 1920er-Jahren gewann die Eugenik in den westlichen Industrieländern zunehmend an Bedeutung, in den USA blühte die Idee auch auf Landwirtschaftsmessen - etwa mit „Fitter Family Contests“ oder Plakatkampagnen für eugenische Partnerwahl. In einem nationalsozialistischen Schulbuch findet sich unter dem Titel „Erbkranke fallen dem Staat zur Last“ etwa die Berechnung, dass „ein Erziehungsheim für Schwachsinnige“ gleich viel koste wie „17 Eigenheime für erbgesunde Familien“. Kepplinger verwies in diesem Zusammenhang auch auf die in der Corona-Zeit in vielen Ländern aufgeflammte Diskussion, wie weit man gehen solle um hochbetagte Heimbewohner vor Covid-19 zu schützen.

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Viel Platz bekommen aber auch weitere aktuelle Fragen und zeitgeistige Entwicklungen: So kann man die eigene Perfektion jener von Michelangelos David oder von Barbie gegenüberstellen. Fragen der Optimierung, die mit der Trennung von Fortpflanzung und Sexualität, aber auch mit gentechnischen Entwicklungen immer realer werden, sind ebenso Thema wie das Aufkommen von Behindertenbewegungen in den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen ein Abgehen vom reinen Fürsorgegedanken „warm, satt, sauber“ hin zu Selbstbestimmung und gleichen Rechten einsetzte.

Sterbehilfe, Transhumanismus und die Frage, ob man sein Bewusstsein irgendwann in eine Cloud laden wird können um ewig zu leben, werden ebenso beleuchtet wie Gen-Scheren, die große Fortschritte in der Medizin brachten, Klon-Versuche oder die Überlegung, ob man Menschen für die Besiedelung des Weltalls genetisch verbessern muss. Kepplinger verwies im Zusammenhang mit schwierigen ethischen Fragen auch auf die Bedeutung des Parlamentarismus und der Demokratie: Denn in demokratischen Systemen sei es leichter möglich, Regelungen, die man im Nachhinein als falsch erkannt hat, auch wieder zurückzunehmen.

Rund 17.000 Leute besuchten vor der Coronakrise jährlich den Lern- und Gedenkort. Neben Schulklassen sind auch viele internationale Gäste vertreten. Dem will man mit einer Barrierefrei-App Rechnung tragen. Mit ihr kann man die Texte sowohl in einfacher Sprache als auch in diversen Fremdsprachen abrufen.

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