Voges feierte Volkstheater-Einstand mit „Der Theatermacher“

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Zurück zum Anfang unter umgekehrten Vorzeichen: Vor drei Jahren hat Antu Romero Nunes im Burgtheater mit „Macbeth“ gezeigt, was man aus einem Stück herausholen kann, wenn man es immer wieder zurückspult. Auf diesen Trick setzte auch Neo-Volkstheaterdirektor Kay Voges, als er 2018 Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ in Dortmund inszenierte und das Stück gleich neun Mal beginnen ließ. Am Mittwochabend eröffnete er mit der Wien-Premiere das bis 6. Juni dauernde „House Warming“.

Nicht entgehen lassen wollte sich diesen Einstand neben Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) auch die ehemalige Volkstheater-Direktorin Anna Badora. Wie auch der Rest des Publikums bekamen sie in zweieinhalb pausenlosen Stunden einen „Theatermacher“ serviert, wie man ihn wohl noch nicht gesehen hat. Eine Dekonstruktion des Bernhard-Klassikers, die viel will und überraschend viel einlöst: Die Palette reicht vom lustvollen Spiel mit toxischer Männlichkeit über die Selbstbefragung des Diskurstheaters bis hin zur albtraumhaften Übernahme des (Theater-)Ruders durch das weibliche Geschlecht.

Schauplatz ist eine Art verwahrloste Garage mit Sichtbetonwänden, Rolltoren, Feuerlöschern und natürlich beleuchteten Fluchtwegschildern - Bernhards Anspielung auf den „Notlicht-Skandal“ im Zusammenhang mit der Salzburger Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ im Jahr 1972 (Bühne: Daniel Roskamp). Wähnt man sich in der ersten vollen Stunde noch in einer gewohnt würdevollen Bernhard-Deutung, bricht Voges kurz vor Beginn des (ohnehin nie stattfindenden) Stücks „Das Rad der Geschichte“ ab und stellt alles auf Anfang. Über der Bühne deutet ein Band mit Zahlen von 1 bis 9 an, worauf man sich noch einzustellen hat. In Runde zwei geht es derber (und schneller) zu: Da befindet man sich in „Fotzbach“, aus Hitler wird Stalin und die Kinder des Theatermachers werden schon mal als „unrasierte Fotze“ oder „schwule Sau“ bezeichnet. Auch die ersten Anspielungen auf Aktuelles beginnen hier mit Einwürfen wie „Ist doch alles zu, nur bis 22 Uhr offen“ oder „Die nächsten 14 Tage werden entscheidend sein“.

Zum Gelingen des Abends, dessen Einzelteile immer kürzer werden, trägt vor allem das belastungsfähige Ensemble bei: Allen voran stellt sich Andreas Beck dem Wiener Publikum als Staatsschauspieler Bruscon in all seiner Wandlungsfähigkeit vor, während er vom alten weißen Mann zum verschreckten Häufchen Elend mutiert. Einen Beitrag dazu leistet Uwe Rohbeck, der neben Beck als einziger Vertreter der Dortmunder Originalbesetzung übrig geblieben ist, mit seinem süffisanten Spiel. Dieses startet er als sarkastischer Utzbacher Wirt, bevor er sich bald zum Theatermacher Bruscon wandelt und schließlich für den Rest des Abends als queerer Teil der Familie am allgemeinen Wahnsinn teilnimmt.

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Die Salzburgerin Anna Rieser erweist sich in ihrer Entwicklung von der unterdrückten Tochter zur feministischen Punk-Ikone (mit dem Slogan „Fickt eure Väter“ am Rücken) als eine bemerkenswerte neue Stimme am Volkstheater. Ihr Münchner Kollege Nick Romeo Reimann fristet den Abend unterdessen zunehmend eingegipst: Zunächst ist es nur ein Arm, in den Folgeversionen kommen der zweite Arm und schließlich ein Bein dazu, bis auch er schließlich den Theatermacher geben kann, den er als schrecklich schleimigen Musical-Star anlegt. Die Rolle der Frau Bruscon übernimmt Anke Zillich, die allerdings erst recht spät im Stück die Möglichkeit bekommt, sich zu profilieren. Das tut sie schließlich in einer der stärksten Szenen des Abends, in der Andreas Beck blutbesudelt und im Unterhemd auf einem Tisch kauert, während Zillich in einer höllengleichen Szene die Rolle des Theatermachers übernimmt.

Immer weiter dreht Voges das Rad dieser Geschichte, bis nur mehr einige wenige prägnante Bernhard-Zitate übrig bleiben und die Machtverhältnisse aufgebrochen sind, Hitler gleich dreifach im Tutu über die Bühne tanzt und sich Bruscon in einem nicht enden wollenden Albtraum wiederfindet. Das macht beim Zuschauen viel Spaß, wenn man sich auf das Konzept einlassen will. Mit diesem „Theatermacher“ bohrt Voges genüsslich ins fettige Fleisch der herrschenden Bernhard-Verehrung und gibt einen kleinen Einblick in die multimediale Theatermaschinerie, die sich hinter den renovierten Wänden des Hauses eingenistet hat. Am Ende steht nichts weniger als das „Ende des Theaters“. Lang anhaltender Applaus mit ein paar vehementen Buh-Rufen beendete kurz vor der 22-Uhr-Sperrstunde den Abend.

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