„Tom & Huck“ im Theater der Jugend: Kinderkrimi nach Twain

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Mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn hat das kaum etwas zu tun: Im Theater der Jugend, wo man seit langem auf Dramatisierungen großer Prosa-Stoffe setzt, spielt man seit gestern „Tom & Huck“, doch an Mark Twain erinnert nicht mehr viel. Clemens Pötsch und Felix Metzner haben aus den 1876 und 1884 erschienenen Schlüsselwerken der Kinderliteratur einen in den 1960ern spielenden Kinder-Krimi gemacht, der in Inhalt wie Machart antiquiert wirkt.

Im US-Provinznest St. Petersburg feiert man die Eröffnung des neuen Atomkraftwerks. Auf dem Transparent liest man „Atomkraft ja bitte!“, die Schulkinder sagen brav Gedichte auf und spielen am Nachmittag Mondlandung. Doch eine Journalistin trübt die geballte Fortschrittsfreude: Sie hat recherchiert, dass der AKW-Betreiber planmäßig das Grundwasser radioaktiv verseucht. Der skrupellose Geschäftsmann versucht sie zu bestechen und greift, als dies nicht klappt, persönlich zur Waffe. Die Kinder werden bei einer aufgelassenen Tankstelle Zeugen des Mordes und nun selbst zu Gejagten.

Für die angepeilte Zielgruppe der Über-Sechsjährigen ist diese Handlung wohl ebenso weit entfernt wie das 19. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund von Glauben an eine strahlende Zukunft durch Atomkraft und Raumfahrt soll die ewige Geschichte von Freundschaft und Zusammenhalt erzählt werden. Stefan Rosenthal ist ein liebenswürdiger Lausbub und Waisenknabe Tom Sawyer, der bei seiner als Ingenieurin im AKW arbeitenden Tante (Henriette Heine) lebt. Victoria Hauer ist als offenbar häusliche Gewalt erleidende Finnea Huckleberry, genannt „Huck“, seine Spielkameradin. Als die mit ihrem Vater aus New York kommende brav wirkende, doch äußerst streitbare Sheriffstochter Becky (Runa Schymanski) dazustößt, sind Rivalitäten und Unstimmigkeiten vorprogrammiert. Doch bald haben die Kinder andere Sorgen.

Felix Metzner inszeniert diese Geschichte, mit der das Theater der Jugend seinen Spielbetrieb nach dem Lockdown wieder aufnimmt, so, wie man es wohl auch schon zur Zeit der Handlung gemacht haben könnte: rechtschaffen realistisch (Bühne: Andreas Lungenschmid, Kostüme: Andrea Bernd) und auf den Plot konzentriert, Klischees bedenkenlos verwendend (Wolfgang Seidenberg als mafiöser italienischer Geschäftsmann Nadini), Randgruppen unreflektiert ausstellend (Frank Engelhardt als argloser und stotternder Langsam-Denker Muff). Manche eingebaute Gags wie Toms erste Schritte beim Etablieren einer Garagen-Firma, das Entwickeln der Geschäftsidee eines Kaufhauses samt Zustellservice, das nicht „Amazon“, sondern „Mississippi“ genannt werden könnte, oder die Ansprache des Freundestrios als „Die Drei von der Tankstelle“ amüsieren wohl mehr die erwachsene Begleitung als das eigentliche Zielpublikum.

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Als Höhepunkt der Handlung verhindern die drei Freunde den Super-GAU im AKW durch das rechtzeitige Schließen eines Ventils. In einer Fortsetzung könnten sie dann mit einem kleinen Trick vielleicht den Klimawandel verhindern. Oder das moderne Kindertheater erfinden.

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