Märchen-Musical: „Into the Woods“ in der Volksoper

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Sind Märchenfiguren wirklich glücklich bis ans Lebensende? Wo Märchen normalerweise enden, nimmt Stephen Sondheims Musical „Into the Woods“ aus dem Jahre 1987 Fahrt auf. Olivier Tambosi und Simon Eichenberger inszenieren das tragikomische Stück des berühmten Musical-Komponisten und -Texters („West Side Story“, „Sweeney Todd“) in der Volksoper Wien mit rasanten Performances und märchenhaften Bühnenbildern. Am Donnerstagabend fand die Premiere statt.

Alle möchten etwas auf der Volksopernbühne. Aschenputtel (Laura Friedrich Tejero) möchte zum Galaball und weg von ihren herrlich schrillen Stiefschwestern, Hans (Oliver Liebl) und seine Mutter (Ursula Pfitzner) möchten, dass die Kuh endlich Milch gibt, und ein etwas farblos bleibender Bäcker und seine Frau (Peter Lesiak und Julia Koci) möchten ein Kind. Volksopern-Direktor Robert Meyer, ein geborener Erzähler, klärt mit sonorer Stimme über die Hintergründe der Abenteuer auf.

Alle möchten auch in den Wald, wo sich ihre Träume erfüllen sollen, wie sie gemeinsam gesanglich zu verstehen geben. Hier flitzt man über die Bühne und läuft einander in recht verschachtelten Szenen ständig über den Weg - ein Who is Who der Märchenwelt. Requisiten kommen und gehen mühelos. Vor einem die Unendlichkeit heraufbeschwörenden Sternenhimmel sinniert Aschenputtel über ihren Prinzen. Rotkäppchen trifft in einer glitzernden, an Windräder erinnernden Blumenkulisse auf ihren Wolf - hier nicht nur groß und böse, sondern mit Strapsen und Six-Pack auch seltsam sexy.

Schließlich wird alles gut, doch das Stück ist noch lange nicht zu Ende. Denn, so zeigt sich: Märchen zeichnen ein unvollständiges Bild des Menschen. Prinzen nehmen Strapazen auf sich, um verzauberte Prinzessinnen zu küssen, arme Familien kommen über Bohnenranken zu Geld und schon ist für das restliche Leben ausgesorgt. Unzufriedenheit, Fremdgehen, ständiges Mehr-Wollen und ein allgemeines Fehlen von Perfektion - das ist nicht der Stoff, aus dem Märchen gemacht sind. Die Protagonisten werden an diesem Abend plötzlich zu echten Menschen mit, von einer dorfzertrampelnden Riesin abgesehen, menschlichen Problemen.

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Statt in Melodrama zu verfallen, tänzelt „Into the Woods“ auch hier gekonnt zwischen Komik und Tragik. Wenn etwa die beiden langhaarigen, in Pelzmäntel gekleideten Prinzen über ihre „Liebesqual“ zu ständig wechselnden Damen singen, dann tun sie das stets mit übertriebenem Machogehabe. Gesungen wird in dem textreichen, viele schöne Nummern beinhaltenden Musical nonstop.

Vor allem die Solonummern, stets vom Orchester unter Dirigent Wolfram-Maria Märtig begleitet, bleiben im Gedächtnis. So etwa Hans‘, der vor allem mit Gesang glänzt, berührendes Lied über die Entdeckung der „Riesen über uns“ und „Mitternachtsstunde“, das letzte Aufbegehren der Hexe. Bettina Mönch, die in Düsseldorf als Shreks Fiona bereits Erfahrung mit humorvollen Märchenwelten sammelte, legt an diesem Abend als mal ruchlose, mal verzweifelte Zauberin auch eine der überzeugendsten Performances hin.

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