Münchner Kardinal Marx bietet Papst seinen Rücktritt an

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Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus in einem ebenso ungewöhnlichen wie überraschenden Schritt um die Entbindung von seinem Bischofsamt gebeten und dies mit dem Zustand der katholischen Kirche in Deutschland begründet. Die Kirche habe einen „toten Punkt“ erreicht, teilte Marx nach Angaben seines Bistums vom Freitag mit. Er wolle zugleich „Mitverantwortung“ für die „Katastrophe des sexuellen Missbrauchs“ übernehmen.

Die Untersuchungen zu den Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahrzehnte hätten gezeigt, dass diese unter anderem auch auf „institutionelles oder systemisches Versagen“ der katholischen Kirche zurückzuführen seien, erklärte der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Zugleich sei in den jüngsten Debatten allerdings offensichtlich geworden, „dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen“.

Marx spielte damit wohl auf den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki an. Dieser war wegen der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in seinem Erzbistum scharf kritisiert worden, bis heute lehnt Woelki aber persönliche Konsequenzen ab. Mittlerweile lässt Papst Franziskus die Vorgänge in Köln durch eigene Abgesandte untersuchen.

Marx erklärte zu denjenigen, die seiner Auffassung nach keine Mitverantwortung übernehmen wollen, diese Vertreter der Kirche stünden deshalb auch dem dringend nötigen „Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise“ ablehnend gegenüber. Er lehne diese Haltung ab.

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Marx, der nach viel öffentlicher Kritik wegen der auch im Erzbistum München nicht abgeschlossenen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im April auf die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verzichtet hatte, erklärte, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht. Vielleicht könne er mit seinem Schritt ein „persönliches Zeichen“ für „neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche“ setzen.

„Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums“, teilte der 67-Jährige mit. Er sei bereit, persönlich Verantwortung für jene Fehler zu übernehmen, welche die „Institution Kirche“ begangen habe, die er selbst über Jahrzehnte mitgestaltet und mitgeprägt habe.

Die deutsche katholische Kirche befindet sich derzeit in einer schweren Krise, wobei Skandale um sexuellen Missbrauch durch Geistliche und Vorwürfe mangelhaften Aufklärungswillens eine zentrale Rolle spielen. Die Kritik bezog sich in jüngerer Zeit vor allem auf das Erzbistum Köln.

Dort ist Woelki zwar weiter im Amt. Zugleich wurden dem früher in Köln tätigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße sowie den Kölner Weihbischöfen Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff Fehler vorgeworfen. Heße und Schwaderlapp boten Papst Franziskus ihren Rücktritt an. Entschieden ist darüber aber noch nicht. Der Skandal um die Vorgänge führte zu einer Austrittswelle im Kölner Erzbistum und versetzte die katholische Kirche auch insgesamt in Aufruhr.

Zur Aufarbeitung der Missbrauchsskandale und zur Vermittlung in den Auseinandersetzungen um Richtungsfragen wurde bereits vor zwei Jahren durch Marx der sogenannte synodale Weg ins Leben gerufen. Dies ist Gesprächs- und Veranstaltungsformat, in dem Vertreter der Kirche und katholische Laien über Änderungen diskutieren.

Marx gehört zu den Befürwortern der Strategie des synodalen Wegs. Das Format müsse „weitergehen“, erklärte er in seiner Mitteilung zu seinem Rücktrittsangebot. Die Ablehnung von Reformen und Veränderungen sei hingegen keine Alternative.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, äußerte „Respekt“ für das Rücktrittsersuchen von Kardinal Marx. „Ich kann die Entscheidung von Kardinal Marx verstehen“, teilte Bätzing am Freitag in Bonn mit. Dessen Rücktrittsbitte mache zugleich deutlich, dass der mit dem sogenannten synodalen Weg begonnene Gesprächs- und Erneuerungsprozess weitergehen müsse.

Der Kardinal wolle mit seinem Schritt „ein Zeichen setzen und institutionelle Verantwortung persönlich übernehmen“, erklärte Bätzing weiter. Tatsächlich hätten sexueller Missbrauch und dessen Vertuschung „systemische Schwachstellen in der Kirche offengelegt, die ebenso nach systemischen Antworten rufen“.

Juristische Aufarbeitung und Änderungen in der Verwaltung allein reichten nicht aus, erklärte der Limburger Bischof weiter. Vor diesem Hintergrund verstehe Marx sein Angebot als „persönliche Antwort auf diese Situation“.

Zugleich bedaure er dessen Schritt sehr, erklärte Bätzing. Der Münchner Kardinal sei „eine der tragenden Säulen“ in der Deutschen Bischofskonferenz und habe in seiner Zeit als ihr Vorsitzender viel geleistet. Er werde auch „weiterhin gebraucht“.

Unter den deutschen katholischen Laien löste die Nachricht vom Rückzugsgesuch des Münchner Erzbischofs Entsetzen aus. Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, reagierte mit Unverständnis: „Ich bin tief erschüttert - da geht der Falsche“, sagte Sternberg am Freitag der „Rheinischen Post“ aus Düsseldorf. Er schätze ihn außerordentlich. „Was Marx in der Ökumene, beim synodalen Weg und auch bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet hat, ist ganz wichtig gewesen.“

Sternberg erinnerte auch daran, dass der Münchner Erzbischof fast sein ganzes privates Vermögen in eine Stiftung für Missbrauchsopfer eingebracht habe. Nach seiner Einschätzung habe Marx die massive Kritik an der geplanten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn tief getroffen.

„Das zeigt auch, dass in der gegenwärtigen Skandalisierung der katholischen Kirche alle in einen Gesamtverruf kommen - egal, wie ernsthaft sie diese Themen angehen oder nicht“, sagte Sternberg. Sollte der Rücktritt von Papst Franziskus angenommen werden, „dann fehlt uns eine ganz wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus“.


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