Elfriede Jelineks Corona-Stück in Hamburg uraufgeführt

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Mit der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ hat das Deutsche Schauspielhaus Hamburg am Samstagabend nach langer Corona-Pause unter besonderen Sicherheitsmaßnahmen wiedereröffnet. Das 1.200-Plätze-Haus war zu weniger als einem Viertel besetzt und auch in der offenbar dem Kitzloch in Ischgl nachempfundenen Alpen-Disco auf der Bühne blieb den Akteuren reichlich Platz, aber nicht viel Luft: In knapp drei Stunden war viel Text abzuliefern.

Es sei kein Corona-Stück, denn die Autorin habe es „lange vorher geschrieben“, hatte kürzlich Burgtheater-Direktor Martin Kusej, der den Text zur Saisoneröffnung im Akademietheater von Frank Castorf inszenieren lässt, gesagt. Das ist Blödsinn, oder er traut der Nobelpreisträgerin seherische Fähigkeiten zu. Denn ab der zweiten von 83 Manuskriptseiten geht es um die Pandemie und ihre gesellschaftlichen Folgen, um Masken, Medien und Mythen, um Erklärungsversuche und Verschwörungstheorien: „Das Virus ist eine Erfindung.“ Immerhin: Jelinek als Kassandra - das würde passen, denn die Autorin verschneidet das hedonistische Treiben „in der Arschloch-Bar in den Alpen“ und dessen verheerende Folgen mit Odysseus‘ Stranden auf der Insel der Zauberin Kirke, die seine Gefährten in Schweine verwandelt.

Wie stets ist auch „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ ein langer, zwar gegliederter, doch nicht auf Dialoge oder Figuren verteilter Text, der für die Bühnenrealisierung alle Freiheiten lässt. Die Hamburger Schauspielhaus-Chefin Karin Beier beginnt ihre Inszenierung mit einem Stimmengewirr in dem durch Entfernung jeder zweiten Sitzreihe noch größer wirkenden Theaterraum: Die zur Kakophonie anschwellende Toncollage konfrontiert die im Dunklen Sitzenden mit Jelinek-Text, Passagen aus Politiker-Reden, aber auch originalen Tonaufnahmen des vergangenen Jahres. Die deutsche Kanzlerin und der österreichische Kanzler sind dabei zu hören, aber auch „Kurz muss weg“-Sprechchöre.

Erst nach rund 20 Minuten wird der Blick auf die Bühne frei. Duri Bischoff hat dafür die alpine Aprés-Ski-Gastronomie offenbar genau studiert. Noch ist nicht absehbar, dass sich die auf rustikal getrimmte Bar im Laufe des Abends in ein Schweine-Schlachthaus verwandeln und am Ende von der Bühnentechnik buchstäblich in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden wird. Einige Monitore dienen als Blick ins reale wie mediale Außen, hier sind Politiker- und Katastrophen-Bilder zu sehen, Bergpanoramen und Schneestürme. Die Gäste tragen zunächst Moonboots und schicke Winterkleidung (Kostüme: Wicke Naujoks) und werden musikalisch von einer dreiköpfigen Blechbläsertruppe betreut. Der Diskurs über Existenz oder Nicht-Existenz des Virus wird immer wieder von der Ankunft neuer Gäste unterbrochen, die sich stets mit einem „Poch, poch, poch“ ankündigen.

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Schon bald schiebt sich mit der Odyssee eine zweite Ebene über die Vordergründigkeiten und Schwachsinnigkeiten, die man nach über einem Jahr Corona-Krise kaum mehr hören kann. Und Lars Rudolph, der als famos trompetenblasender Virologe bisher im Vordergrund stand, bekommt zwei ernsthafte Konkurrenten: „Odysseus“ Ernst Stötzner und „Zauberin“ Eva Mattes absolvieren mit größter Grandezza den Drahtseilakt zwischen Jelineks Sprachgirlanden und Beiers szenischem Faschingstreiben. Mit besonderer Lust an der Deftigkeit inszeniert die Hausherrin die Einlösung der Behauptung „Männer sind Schweine“ und zeigt auch mittels Videoeinblendungen, was mit Schweinen so passiert, ehe sie bei uns als Schnitzel ankommen.

Nach der Pause werden aus Amazon-Boxen Mini-Salamis unter die Zuschauer geworfen, die Schweine wieder in Männer mit goldenen Unterhosen zurückverwandelt und Sexpuppen ausgiebig gebraucht, doch dem Abend geht es ein wenig wie den aufblasbaren Gespielinnen: Bald ist die Luft draußen. Den Abschluss macht ein langer, von Julia Wieninger großartig gestalteter Monolog, der mit Jelineks Quellenangabe endet: „Ich gebe es ja zu: Heidegger hat eine gewisse Teilschuld, mehr aber nicht.“ Gestrichen wurde die Verweise auf Homers „Odyssee“, Oskar Panizzas „Das Schwein“ und das Ischgl-Fotobuch von Lois Hechenblaikner.

Hat man in Tirol bekanntlich alles richtig gemacht, wundert sich der Besucher aus Wien über die Hamburger Corona-Vorgaben: Maximal 12 Stunden darf hier der Covid-Test alt sein, der zum Eintritt ins Theater berechtigt. Die abmontierten Zuschauerreihen garantieren jede Menge Beinfreiheit. Doch eine haushaltsfremde Person am direkten Nebensitz: Das gäbe es in Wien nicht! Am Ende des Wieder-Eröffnungsabends gab‘s jedenfalls langen, zwischen Erleichterung und Ermattung schwankenden Applaus. Das Theaterleben hat auch in Hamburg wieder begonnen. Und schon in Kürze sollen auch hier die Regelungen noch weiter gelockert werden.

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