Zernatto erinnert sich an Slowenien-Unabhängigkeit 1991

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Bei der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens am 25. Juni 1991 war Christof Zernatto (ÖVP) gerade neu gewählter Landeshauptmann von Kärnten. Im Interview mit der APA erinnert sich der 71-Jährige zurück an eine Zeit voller Aufbruchsstimmung - aber auch voller brisanter Entscheidungen und die Intensivierung grenzüberschreitender Beziehungen.

„Die Situation rund um die Selbständigwerdung Kroatiens und Sloweniens war auf europäischer Ebene nicht unumstritten“, sagte Zernatto. „Viele Staaten waren der Meinung, es solle eher in Richtung einer Konföderation gehen, für die Selbstständigkeit gab es wenig Begeisterung. Auch in Österreich, wobei der Außenminister Alois Mock (ÖVP) einer war, der sich immer sehr positiv zur Selbstständigkeit der beiden zukünftigen Staaten äußerte.“

Für Zernatto war die slowenische Unabhängigkeitserklärung eine besondere politische Feuertaufe. Am 21. Juni 1991 wurde nämlich Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) wegen seines Sagers über die „ordentliche Beschäftigungspolitik“ im Dritten Reich vom Kärntner Landtag abgewählt. Die Angelobung Zernattos als neuer Landeschef fand am 26. Juni statt, und am Abend desselben Tages nahm er in Ljubljana an der Unabhängigkeitsfeier teil.

„Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchsstimmung, ich war mit dem damaligen bereits gewählten Ministerpräsidenten Lojze Peterle auch persönlich sehr gut bekannt, er kam ja auch aus dem christdemokratischen Umfeld“, erinnert sich Zernatto. Er war mit seinem Stellvertreter Peter Ambrozy (SPÖ) zu dem außergewöhnlichen Fest eingeladen. Schon während der Veranstaltung flogen Kampfjets über die Stadt, „daran merkte man, dass es auch in eine ganz andere Richtung gehen könnte“, erinnert sich Zernatto. „Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause, und wurde vom ORF angerufen, ob Ambrozy zurückgekommen sei aus Slowenien.“

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Ab diesem Zeitpunkt wurde die Stimmung kritisch. Die Landeshauptleutekonferenz setzte sich daraufhin dafür ein, dass eine Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens zur Entspannung der Stimmung beitragen könnte, so Zernatto. „Es gab eine gemeinsame Resolution der ARGE Alpe Adria, die damals einmalig eine ganz außergewöhnliche Rolle spielte, Bayern, Slowenien, Ungarn, Kroatien waren dabei.“ Die ARGE Alpe Adria initiierte eine Sondertagung in Klagenfurt, die auch dazu führte, dass die Bundesstaaten Italien und Österreich eine Unterstützungserklärung zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens verlautbarten. „Letztlich führte das zur Anerkennung vor allem durch Deutschland und Italien, was damals auch international bedeutsam war,“ so Zernatto.

Angesichts der Kampfhandlungen, die sich in der Folge der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien ergaben, ersuchte Zernatto gemeinsam mit dem steirischen Landeshauptmann Josef Krainer (ÖVP), dass Österreich auch militärische Präsenz zeige: „Aus heutiger Sicht war das eher ein symbolischer Akt, der eher zur Beruhigung der Bevölkerung beitrug, als eine Auswirkung hatte,“ sagt Christof Zernatto.

Heute noch erinnert das Bunkermuseum am Wurzenpass , das ein emeritierter Bundesheeroffizier betreibt, an die Befestigungsanlagen gegenüber Jugoslawien. Die Situation war brisant, Erinnerungen an den Kärntner Abwehrkampf tauchten auf und auch an die Initiativen Jugoslawiens, sich nach dem 2. Weltkrieg Teile Kärntens einzuverleiben. Dazu kam auch die Geschichte der Kärntner Partisanen.

Zernatto war damals der Leiter des Landeskrisenstabes, der sofort einberufen wurde. In diesem war auch das Bundesheer mit vertreten, sodass alle Beteiligten auf dem letzten Stand der Entwicklungen waren. Gleichzeitig fand gerade in Kärnten eine große militärische Übung statt, die umgehend an die Grenze verlegt wurde. Zernatto: „Es ging vor allem um den psychologischen Effekt, der war für die Kärntner Bevölkerung wichtig, und sie hat gesehen, wenn etwas passiert, ist das Bundesheer da.“

Die Situation war nicht einfach, insbesondere auch für die Bundesregierung. Entscheidungen mussten mit größter Sensibilität getroffen werden. Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) betrachtete die Unabhängigkeit mit einer gewissen Sorge, so Zernatto. Vranitzky war eher ein Anhänger einer konföderativen Lösung in Jugoslawien. „Der Bundeskanzler war aber immer in voller Koordination mit dem Außenminister und Vizekanzler Mock und dem Verteidigungsminister Werner Fasslabend (ÖVP), das war perfekt koordiniert,“ stellt Zernatto fest.

Der Ex-Landeshauptmann erinnert sich auch an ein besonderes Ereignis rund um die slowenische Unabhängigkeit. Der damalige slowenische Außenminister Dimitrij Rupel rief ihn während einer Veranstaltung im Gailtal persönlich an, ob das Land Kärnten ihm Strom für eine Sendestation am Dreiländereck zur Verfügung stellen könne, damit die Radio-Verbindung aufrecht bliebe, denn von serbischer Seite werde der Strom eingeschränkt. „Ich habe das über die Kelag in die Wege geleitet,“ sagt Zernatto, „daraus hat sich eine außerordentlich persönliche Beziehung zu den slowenischen Regierungsspitzen entwickelt, über alle Parteigrenzen hinweg.“

Diese Situation, in der Slowenien bemerkte, dass es jenseits der Grenze einen freundlichen Nachbarn hat, wirkt nach bis heute, fasst Zernatto zusammen, der auch als Zeitzeuge eine persönliche Einladung zu den großen Feierlichkeiten zu 30 Jahren Unabhängigkeit am 25. Juni in Ljubljana bekommen hat.

(Das Gespräch führte Christina Höfferer/APA)


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