The Wooster Group in Wien: Ein Lehrstück über das Lehrstück

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Pelagea Wlassowa, Mutter eines einfachen Arbeiters und des Lesens unkundig, wird im Kampf gegen Lohnkürzungen zu einer kämpferischen Revolutionärin und trotz Repressalien zur Heldin des Arbeitskampfes im zaristischen Russland. Wie sich Brechts Lehrstück „Die Mutter“ in den USA unter einem regierenden Präsidenten Donald Trump angefühlt hätte, lässt sich nur erahnen. Die Weltpremiere der neuen Produktion der New Yorker Wooster Group wurde jedenfalls gestern in Wien gespielt.

1997 war die Avantgardetruppe rund um Elizabeth LeCompte zuletzt bei den Wiener Festwochen zu Gast. Schon im Vorjahr hätte sie hier ihre neue Produktion „The Mother“ zeigen sollen. Corona vereitelte nicht nur das Gastspiel, sondern auch alle Vorstellungen in den USA. „Das wird unsere erste Aufführung seit eineinhalb Jahren. Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, vor Publikum zu spielen“, hatte Schauspieler Jim Fletcher im APA-Interview gemeint. Gut fühlt es sich an, dachte man - und war ein wenig enttäuscht, dass die Gruppe nach der 80-minütigen Vorstellung in der Halle G des Museumsquartiers den herzlichen Schlussapplaus nicht entgegennahm.

Als Bert Brecht 1935 auf Einladung der linken Theatre Union für eine Produktion des Stückes in New York war, soll er die Premiere schimpfend verlassen haben. „Für ihn war es das typische identifikatorische, naturalistische, illusionistische Theater, das er bekämpft hat“, so Fletcher. The Wooster Group hat für diese Festwochen-Koproduktion eine Vielzahl von Materialien studiert und auch die englische Übersetzung gemeinsam erarbeitet. LeComptes Inszenierung geht stark auf Brechts Theaterästhetik ein und vermeidet politische Aktualisierungen. „The Mother“ ist ein Lehrstück über das Lehrstück.

Im Hintergrund läuft ein gezeichnetes Video von Irfan Brkovic über die gesamte Bühnenbreite. Vögel kreisen über eine graue Fabrikslandschaft, aus den Schloten qualmt dicker Rauch. Anklänge an die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik eines William Kentridge werden wach. Entlang der Bühnenvorderkante ist ein langer Tisch aufgebaut. Wenige Requisiten. Ein Samowar. Ein Keyboard. Eine Schreibmaschine. „Fast alles in dieser Produktion stammt aus früheren Arbeiten der Wooster Group und wurde umgewidmet“, schreibt die Regisseurin.

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In diesem Setting übernimmt Jim Fletcher am Tisch sitzend zunächst die Funktion eines Spielführers. Er gibt eine kleine Einführung und stellt die Figuren vor. Als Lehrer, der sich der revolutionären Überzeugungskraft der Mutter nicht entziehen kann („Gib uns Dein Wissen, wenn Du es nicht brauchst!“) und als Polizist, der bei einer Hausdurchsuchung einiges zu Bruch gehen lässt, zeigt er exemplarisch vor, wie einfache Bühnenvorgänge vergrößert und verdeutlicht werden können. Nicht Mitleben, sondern Mitdenken und Analysieren ist das Ziel. Vorgänge sollen nicht verschleiert, sondern transparent gemacht werden.

Das mutet freilich ziemlich trocken und schon etwas angestaubt an. Nicht nur Klassenkampf, sondern auch Bewusstseinsbildung ist eine schwere Aufgabe. Leichter wird sie, indem Elizabeth LeCompte eine gute Methode findet, mit den eingebauten Liedern umzugehen. Amir ElSaffar hat der originalen Musik von Hanns Eisler manches hinzugefügt, was noch mehr Richtung Jazz geht und gelegentlich sogar Musical-Anklänge hat. Vor allem aber bekommt der Abend eine eigene Tonspur, die aus alten Filmen entlehnt scheint. Wann die mit Microports ausgestatteten Darsteller, unter denen die stellvertretende Gruppenleiterin Kate Valk als nüchterne, zielstrebige Pelagea Wlassowa hervorsticht, selbst sprechen und wann ihre Texte über Tonband kommen, ist schwer auszumachen. Ein V-Effekt jedenfalls, wie er im Buche steht. Im Lehrbuch für Lehrstücke.

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