„Alles, was der Fall ist“: Wittgenstein im Akademietheater

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Von „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ bis zu „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“: Im Akademietheater macht sich das britisch-irische Duo Dead Centre daran, Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ mit theatralen Formen zu ergründen. Im Fokus stehen dabei Tatsachen und Dinge, das Mittel der Wahl ist das Modell. Doch bildet Wittgenstein in „Alles, was der Fall ist“ lediglich den Rahmen, Kern ist die Amokfahrt von Graz im Jahr 2015.

Wer in diesen 90 Minuten eine umfassende Wittgenstein-Exegese erwartet, wird wohl enttäuscht werden. Vielmehr bieten Ben Kidd und Bush Moukarzel einen verspielten Abend zwischen Tatortbegehung und „Macbeth“-Blutrausch, der am Dienstagabend bei der Premiere beim Publikum durchaus auf Gefallen stieß. Wie bereits in ihrer „Traumdeutung“-Inszenierung Anfang 2020 oder dem Transhumanismus-Stück „Die Maschine in mir“ zu Silvester setzen die beiden auf geschickte Kombination von Wirklichkeit und medialer Illusion. Das macht Philipp Hauß, der als Erzähler/Wittgenstein souverän durch den Abend führt, gleich zu Beginn klar: „Ich bin nur eine Möglichkeit. Ein Modell von jemandem, den es geben könnte.“

Einen großen Teil des Abends steht er am Bühnenrand vor einem Regal mit Guckkastenbühne, in die er allerlei Kulissen und Requisiten schiebt, die schließlich mittels Projektion auf der riesigen Leinwand landen, die die große Bühne verhüllt. Im Hintergrund agieren Alexandra Henkel, Andrea Wenzl, Tim Werths und Johannes Zirner vor einem Greenscreen-Set, um in die von Hauß erzählten Szenen live (manchmal aber auch nicht-live) hineingeschnitten zu werden. Das ist eine nette Spielerei mit Überraschungseffekt, doch brechen die beiden Regisseure dieses zwar eindrucksvolle, sich aber mit der Zeit abnützende Setting in regelmäßigen Abständen auf, um dann doch auch der Bühne ihre angestammte Funktion als Möglichkeitsraum zurückzugeben. „Indem man Modelle erfindet, untersucht man Möglichkeiten. Experimentiert damit, wie die Welt sein könnte“, erläutert Hauß/Wittgenstein.

Die Möglichkeiten, die hier untersucht werden sollen, führten zu jener Amokfahrt, bei der am 20. Juni 2015 in der Grazer Innenstadt drei Menschen getötet und 36 Personen verletzt wurden. Nach der Rekonstruktion mehrerer Tatorte geht man auf Spurensuche und zeigt unter anderem das Elternhaus des Täters im Grazer Vorort Kalsdorf, in dem die beiden Eltern den psychischen Zustand ihres Sohnes diskutieren. Der Dialog ist dabei denkbar simpel. „Wirst du mit ihm reden?“, fragt die Mutter. „Um ihm was zu sagen?“, erwidert der Vater. Mutter: „Irgendwas.“, Vater: „Er ist eben krank.“ Da philosophiert Wittgenstein, der die Szene beobachtet: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Wenn wir uns ausdrücken könnten wie die Figuren bei Shakespeare, würden wir die Welt dann besser verstehen?“ Und so paraphrasiert man Macbeths Arzt: „Nicht krank, / Nur tun ihm wirre Phantasien weh / Und rauben ihm den Schlaf.“

Und so führt die Spurensuche tief in die Vergangenheit des Amokfahrers, bis ins Jahr 1993 und die Flucht aus Bosnien, bei der schließlich nicht nur ein ganzer Wald die (reale) Bühne bevölkert, sondern auch ein echter Hund zum Einsatz kommt. Auch hier wird Bosnien als „eine Fiktion“ diskutiert, bald kippt die Szene, im Wald taucht ein (realer) SUV auf, die Flüchtlinge werden zu „Macbeth“-Hexen und die Grenzen der Sprache werden einmal mehr ausgereizt. Bis es am Ende nichts mehr zu sagen gibt.

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