Bachmann-Preis - Nava Ebrahimi ist „schon ein wenig aufgeregt“

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1978 wurde Nava Ebrahimi in Teheran geboren, seit 2012 lebt sie in Graz. 2017 wurde sie für ihren Roman „Sechzehn Wörter“ beim Österreichischen Buchpreis mit dem Debütpreis ausgezeichnet, 2020 veröffentlichte sie ihren zweiten Roman, „Das Paradies meines Nachbarn“. Ab 16. Juni tritt die frühere Journalistin beim Wettlesen um den Bachmann-Preis an. „Ich dachte eigentlich, ich wäre cooler. Aber jetzt bin ich doch schon ein wenig aufgeregt. Ich bin sehr neugierig.“

Ihr Antreten beim prominentesten Lese-Wettbewerb des deutschsprachigen Raums ist eine Art selbst verordnete Sichtbarkeits-Offensive. Kurz nachdem ihr neuer Roman, der aus der hochglanzpolierten Gegenwart eines international erfolgreichen Designstudios in die düstere Vergangenheit des iranisch-irakischen Kriegs zurückführt, erschienen war, kam der Lockdown. „Das war ziemlich schrecklich, denn ich wäre mit meinem Buch zwei Monate auf Tour gewesen. Ich hatte drei Jahre daran gearbeitet und mich sehr darauf gefreut, vielen Menschen mein Buch vorstellen zu können. Und plötzlich wurde ich unsichtbar. Ich war mit zwei kleinen Jungs zu Hause eingesperrt. Das war erst einmal ziemlich herausfordernd“, erinnert sich Ebrahimi im Gespräch mit der APA.

Auch wenn mit Fortdauer der Corona-Krise das Homeschooling besser klappte und die Tage besser strukturiert werden konnten, war an Schreiben vorerst nicht zu denken. „Ich hatte keine ruhige Sekunde. Meine Beiträge für das Corona-Tagebuch des Literaturhauses Graz habe ich mir richtig abgerungen. Die Erfahrungen, die wir während der Pandemie individuell wie kollektiv gemacht haben, werden sicher in Texte einfließen. So weitermachen, als ob nichts gewesen wäre, geht gar nicht. Aber man muss das erst sacken lassen und abwarten.“

Größere Projekte anzudenken oder zu beginnen, war undenkbar. Immerhin schaffte sie es, einen Text zu schreiben, den sie an zwei Juroren des Bachmann-Preises schickte. Klaus Kastberger griff zu und lud Nava Ebrahimi ein. „Ich wollte etwas Abgeschlossenes präsentieren, keinen Romanauszug. Ich hatte immer die 25 Minuten Lesezeit vor Augen.“ Viel möchte sie noch nicht verraten, nur soviel: „Es ist ein sehr szenischer Text geworden. Wer meine Bücher kennt, wird nicht ganz überrascht sein.“ Überrascht wurde sie jedoch von der Entwicklung rund um die Veranstaltung: Nachdem sie sich nach ihrer Einladung bereits sehr auf den Rummel beim Branchentreff in Klagenfurt gefreut hatte, kamen die zweite und die dritte Corona-Welle - und die Entscheidung, dass wie schon im Vorjahr die Autorinnen und Autoren ihre Lesungen per Video absolvieren. Die hat sie bereits Anfang Mai aufgenommen - nicht im Home-Office, sondern im Grazer Palais Diedrichstein. „Eigentlich hab ich schon alles hinter mir“, lacht sie. „Aber natürlich bin ich auf die Diskussion gespannt. Ich kann mir da eine große Bandbreite von Reaktionen vorstellen.“

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Mitte Juli könnten dann zaghaft wieder erste Live-Lesetermine losgehen. „Noch trage ich alle Termine mit Bleistift ein“, meint die Autorin, die ihre Erstimpfung bereits hinter sich hat. Ihrem nächsten Buch sollte ein besserer Start als dem vorhergehenden beschieden sein. Es erscheint im August, heißt „Einander“ und hat weder mit ihren ersten beiden Romanen noch mit dem Bachmann-Preis etwas zu tun.

„Das ist ein Ausfüll- und Lesebuch mit Fragen und Kurzprosa zum Verschenken - an Eltern, Großeltern, Kinder, Tanten, Geschwister. Ich habe es mit der befreundeten Grafikerin und Illustratorin Sabine Presslauer als Wendebuch konzipiert, also mit zwei Anfängen: Gedacht ist, dass man gemeinsam die Fragen beantwortet und gemeinsam die Texte liest, die alle im engeren oder weiteren Sinne Familie thematisieren - sowohl die schöneren als auch die schwierigeren Seiten“, erzählt Ebrahimi. „Die Idee dazu ist uns während der Pandemie gekommen, weil uns bewusster geworden ist, dass wir vielleicht nicht unendlich Zeit haben, mehr über unsere Eltern oder Großeltern zu erfahren.“ So gesehen könnte sich der Lockdown doch noch positiv niedergeschlagen haben.


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