Lesereigen beim Bachmann-Preis mit Panne und Sex eröffnet

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Die Schweizer Schriftstellerin Julia Weber hat heute, Donnerstag, Vormittag mit ihrem Text „Ruth“ das Wettlesen um den Bachmann-Preis eröffnet. Der Lesereigen begann allerdings mit einer technischen Panne. Ihre, wie bei allen 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorab aufgezeichnete, Lesung konnte zunächst nicht abgespielt werden. 3sat sendete stattdessen minutenlang eine Doku über die Karnischen Alpen, ehe der Start im zweiten Anlauf klappte.

) gründete und deren Romandebüt „IMMER IST ALLES SCHÖN“ 2017 erschien, war von Michael Wiederstein eingeladen worden. Ihr Text handelt von einer feengleichen jungen Frau, die Menschen anspricht: „Komm doch mit!“ Darauf antworten manche: „Bist du wirklich, oder habe ich mir dich gewünscht? Erfunden? Ich bin wirklich, sage ich, ich bin Ruth, und wenn ich bei den Menschen bin, dann wird es Sommer in ihnen.“ Eine Frau folgt ihr von der Bushaltestelle weg und hat mit Ruth in der Folge ein ausführlich beschriebenes, erfüllendes, am Ende bezahltes und offenbar nachhaltiges Liebeserlebnis - denn bei einer Wiederbegegnung erzählt sie von ihrem seltsamen, als befreiend erlebten Verhalten bei einer anschließenden Firmen-Geburtstagsfeier, bei dem sie den Kopf in die Torte tunkte.

Die Jurydiskussion wurde von den beiden Neo-Jurorinnen begonnen: Die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser und die deutsche Literaturwissenschafterin Mara Delius fanden die Sexszenen sehr gelungen, Kaiser bekrittelte jedoch das „zu langsame Tempo“ und den zu starken Gegensatz der beiden Frauen. Die neue Juryvorsitzende Insa Wilke hielt den Text für sehr gelungen und für eine „Engelsgeschichte“, Brigitte Schwens-Harrant entdeckte eine sehr körperliche „Bekehrungsgeschichte“, aber zu viele Fragen. Keine Bekehrung sondern eine Befreiung, fand Michael Wiederstein, der mehr die Jury als die Autorin kritisierte - er hatte Weber schließlich nominiert. Radikal dagegen hielt Philipp Tingler, der den Text „unglaublich verstaubt“, „zutiefst durchschnittlich“ und hermetisch fand: „Er ist sich selbst genug!“ - „Solche Verwirrungen in der Jury sprechen Letztendes immer für die Texte“, meinte Klaus Kastberger, der den ersten Tag mit Hut und „Larifari“-T-Shirt absolvierte: „Ich bin schwer beeindruckt von dem Text.“

Danach las die in Leipzig lebende Deutsche Heike Geißler, deren neuen Roman Suhrkamp für Frühjahr 2022 angekündigt hat, ihren Text „Die Woche“, der so beginnt: „Wir sind dumm, doof und dämlich. Wir sind zu nichts zu gebrauchen.“ Das Wir ist die Dominante und Konstante des mal eher chorischen, mal eher monologischen Textes, in dem immer wieder auch eine Constanze angesprochen wird. „Wir sind die proletarischen Prinzessinnen“, heißt es etwa, oder: „Wir sind jetzt da, aber wir sind gleich wieder weg.“ Oder: „Wir sind unserer Probleme schon jetzt überdrüssig, die meisten unserer Probleme sind peinlich und die fadesten der Welt, und wir haben sie fast schon ein Leben lang. Die interessanteren Probleme behalten wir für uns oder kennen sie noch gar nicht.“ Schließlich landen die Erzählerin und Constanze im Theater und danach in der Kneipe.

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Einen „wirklich schwer zu ertragenden Text“ nannte ihn Mara Delius, revidierte ihr negatives Urteil aber im Laufe ihres Statements und lobte das Aufzeigen eines „Empfindungsparadox‘ der Gegenwart“. Sehr ambivalent fiel auch das Urteil von Philipp Tingler aus, der resümierte: „Ich finde den Text nicht besonders gelungen.“ Wiederstein ortete satirische Qualität: „Das würde aber auch erklären, warum diese abgeschmackten Bilder drinnen sind.“ Vea Kaiser sah ein Nebeneinander von Großartigem, Abstraktion und Klischees. „Gut finde ich den Text dort, wo er selbstreflexiv ist“, meinte Kastberger, der ihn sonst zu abstrakt fand. „Der Text ringt um eine Ausdrucksform.“ Dieses Ringen sei Ausdruck einer Verzweiflung, meinte Insa Wilke, die den Text nach Klagenfurt eingeladen hatte und die Kritik mancher Jurymitglieder ihrerseits kritisierte. Diese Kritik zeige im Grunde bloß, dass der Text funktioniere. Er sei „eine Rede gegen eine tödliche gesellschaftliche Situation, ein Text, der vom Sprechen in unserer Gegenwart handelt, ein Text, der unheimlich klar ist in seinen Formprinzipien“: „Hier wird politische Literatur geschrieben.“ Nicht völlig gelungen fand das Schwens-Harrant.

„Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben“ hieß der Text des deutschen Autors und Theatermachers Necati Öziri, der Dramaturg beim Berliner Theatertreffen ist und ebenfalls von Insa Wilke eingeladen wurde. Der Text, offenbar ein Abschiedsbrief aus der Intensivstation (vielleicht aber nur dessen Imagination), richtet sich an den Vater des an einem schweren Leberschaden leidenden Erzählers, an Murat, der nach einem langen Aufenthalt als politischer Gefangener in einem türkischen Gefängnis mit einer zweiten Frau ein zweites Leben begonnen und sich von seinem Sohn stark entfernt hat: „Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war.“

„Irrsinnig begeistert“ zeigte sich Vea Kaiser von der Komplexität des Gefühlslebens, die im Text geschildert werde. „Eine verzweifelte Verfluchung“ nannte Michael Wiederstein dagegen den Text, der mit „perfekten Bildern“ arbeite: „Ich finde das toll.“ Nur im letzten Absatz (der enthüllt, dass der Abschiedsbrief eigentlich ein probeweises Sprechen vor dem Badezimmerspiegel ist) komme „der Erklärbär um die Ecke“. Klaus Kastberger fühlte sich an Kafkas „Brief an den Vater“ erinnert, der gut umgedreht werde. Philipp Tingler sah ein Missverhältnis zwischen einer großen Fülle von äußerer Handlung und geringer innerer Haltung. Ins gleiche Horn stieß Schwens-Harrant. Der Text zeige einen hohen Grad der Bewusstheit, lobte Wilke.

Necati Öziri darf sich also als Erster leichte Hoffnungen machen. Den Nachmittag bestreiten die Wiener Autorin Magda Woitzuck (13.30 Uhr) sowie die Salzburger Autorin und Performerin Katharina J. Ferner (14.30 Uhr). Die Lesungen werden am Freitag und Samstag fortgesetzt. Am Sonntagvormittag findet schließlich die Preisvergabe der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur statt. Im Vorjahr gewann die deutsche Autorin Helga Schubert den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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