Soundperformance „Suite n°4“ bei den Wiener Festwochen

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Man staunt und schmunzelt, als plötzlich Wolfgang Sobotka bei den Wiener Festwochen zu hören ist: Die Stimme des musikaffinen ÖVP-Nationalratspräsidenten ist Teil der performativen Soundcollage „Suite n°4“ des Künstlerkollektiv Encyclopédie de la parole, die am Freitagabend ihre - im wahrsten Sinn des Wortes - vielstimmige und zwischenzeitlich auch etwas langatmige Österreich-Premiere feierte.

Die Künstlertruppe der Encyclopédie besteht aus Musikern, Dichterinnen, Regisseuren, bildenden Künstlerinnen, Darstellern, Soziolinguistinnen und Kuratoren und interessiert sich für das gesprochene Wort in all seinen Formen. Seit 2007 haben ihre Mitglieder mehr als 1.000 Aufnahmen der menschlichen Stimme aus diversen Jahrzehnten und in allerlei Sprachen gesammelt und nach Tonfall, Rhythmus, Betonung oder Melodie katalogisiert. Mit diesem Fundus werden Performances, Lectures, Spiele, Ausstellungen und Klangstücke gebastelt.

Ein Ergebnis ist der ab 2013 entstandene Suiten-Zyklus, dessen dritter Teil 2019 bei den Festwochen zu sehen war. Mit dem letzten vierten Teil der Reihe, der im vergangenen September beim Festival Musica in Straßburg uraufgeführt wurde, feiert das Kollektiv nun im jahrelang nicht bespielten Jugendstiltheater auf den Steinhofgründen ihr hiesiges Festival-Comeback.

Wie darf man sich diese Suite nun also vorstellen? Vor der Bühne haben - quasi in einer Art notdürftigem ebenerdigen Orchestergraben - sieben Musikerinnen und Musiker des belgischen Ensembles Ictus samt üppiger Instrumentenbatterie Aufstellung genommen. Als das Licht im Zuschauerbereich ausgeht, setzt der erste Sprechmitschnitt ein. Es handelt sich um eine Szene einer „Hamlet“-Aufführung von 1964, aufgenommen in New York, wie eine kurze Einblendung über der Bühne informiert.

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Dann folgen andere Tondokumente aus allen Teilen der Welt und in den unterschiedlichsten (Alltags-)Situationen aufgenommen - Hirtenrufe in den Pyrenäen, Szenen eines thailändischen Cheerleading-Wettbewerbs, die Abschiedsworte einer mexikanischen Politaktivistin oder die schwedische Meereswettervorhersage. Die Musikformation steuert zu den Hörbeispielen, die inhaltlich oder phonetisch teils lose miteinander verbunden sind, wodurch einige schöne Pointen entstehen, Soundflächen bei und vertont damit gewissermaßen das gesprochene Wort mit teils beeindruckend kleinteiligen Klangpreziosen.

Oft sind es atmosphärische Grundierungen, die wie ein Soundtrack die zu hörende Szene in einen bestimmten Kontext rücken und für Kopfkino beim Zuschauer sorgen. Über die tatsächlichen Hintergründe der Aufnahmen informiert ein Heftchen, das man erst beim Nachhausegehen mitnehmen kann. Manchmal imitieren die Instrumente die menschliche Stimme oder ihren eigenwilligen Tonfall. Etwa dann, wenn Nationalratspräsident Sobotka die Parlamentssitzung am 2. Juli 2019 eröffnet und dabei einige Namen von Abgeordneten vorliest. Das ist nicht unlustig. Fast poppig wird es, wenn Ictus rund um eine Stimme einen Song baut. Dann klingt ein indischer Prediger plötzlich wie ein Rapper, 100 Jahre alte Vokalübungen eines schwerhörigen Franzosen wie Samples.

Die Bühne selbst bleibt im Übrigen durchwegs menschenleer. Denn anders als bei den vorangegangene Suiten, als Schauspielerinnen und Schauspieler die verwendeten Archivaufnahmen originalgetreu wiederzugeben versuchten, greift Dramaturg und Regisseur Joris Lacoste dieses Mal ausschließlich auf die Soundfiles selbst zurück. So bleibt Platz, in den Bühnenraum die deutschen Übersetzungen der Aufnahmen - je nach Lautstärke größer oder kleiner - zu projizieren und allerlei Spielereien mit Licht und Nebel anzustellen, die das Gehörte noch einmal akzentuieren. Dank der Scheinwerferchoreografie wähnt man sich beispielsweise plötzlich selbst in einem dahinrauschenden russischen U-Bahn-Waggon, deren Fahrgeräusche samt Stationsdurchsage so laut dröhnen, dass der Theaterboden vibriert.

Nach fast zwei Stunden endet diese im besten Sinn vielstimmige und vielschichtige Suite, die in Sachen Konzept, Originalität und Umsetzung überzeugen konnte, der allerdings etwas mehr Straffheit und höheres (musikalisches) Tempo zwischenzeitlich durchaus gut getan hätte.

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