Friedrich Cerha zum 95er: „Komponieren ist wie atmen“

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Sein 95. Geburtstag war bereits am 17. Februar, das dazugehörige Gratulationskonzert musste aber warten. Heute, Montag, Abend wird der österreichische Komponist Friedrich Cerha im Wiener Musikverein geehrt, bedankt und musikalisch gewürdigt. Im Vorfeld beantwortete der weiterhin produktive Musikschöpfer der APA einige Fragen - zur Krise und was Musik zu ihr beitragen kann, zur Neuen Musik samt Empfehlungen für Einsteiger und zu seinem unermüdet „wachen, kritischen Geist“.

APA: Wie haben Sie als 95-Jähriger, der in seinem Leben viele Krisen kommen und gehen gesehen hat, die Coronakrise erlebt? Sehen Sie tiefergreifende Veränderungen, die auch danach bleiben werden?

Friedrich Cerha: Da ich einerseits aufgrund meines Alters schon in den letzten Jahren vor Corona am öffentlichen Leben in Politik und Kulturleben nicht mehr im früheren Ausmaß teilgenommen und andererseits meine kompositorische Arbeit konzentriert fortgesetzt habe, waren für mich persönlich die Auswirkungen von Quarantäne-Bestimmungen und weiteren Einschränkungen von sozialen Kontakten sicher nicht annähernd so gravierend wie für den Großteil der Bevölkerung. Ob es neben den evident negativen Folgen - vor allem auf Kinder und Jugendliche - auf längere Sicht auch welche geben wird, die man im Interesse des Zustands unserer Welt positiv sehen kann, lässt sich nicht voraussagen.

APA: Wecken solche einschneidenden Ereignisse bei Ihnen den Wunsch, sich in einer Komposition dazu zu äußern?

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Cerha: Ich habe 1963 ein einziges Werk geschrieben, in dem ich das Bedürfnis hatte, mit allen mir zu Gebote stehenden musikalischen Mittel zum Schaffen eines Bewusstseins für eine allgemein sichtbar und virulent gewordene weltpolitische Gefahr beizutragen. Mein radiophones Stück „Und Du....“ beruht auf einem Text von Günther Anders und mir und setzt sich mit Hiroshima und den Folgen des atomaren Wettrüstens auseinander. Günther Anders, mit dem ich damals auch an einem „Friedensmarsch“ teilgenommen habe, spricht am Schluss des Stücks einen Text, der das Beste ist, was man grundsätzlich zur atomaren Situation sagen kann, in der ja bis heute nur ein Gleichgewicht des Schreckens die Katastrophe verhindern kann.

APA: Wie viel Wirkmacht trauen Sie der Musik in solchen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu?

Cerha: Im Allgemeinen traue ich der Musik vor allem eine - auch große - Wirkung auf die seelische Verfassung derer zu, die sie machen oder hören. In der Corona-Situation war ich - wie erwähnt - kaum aktiv am Musikleben beteiligt, habe aber mit Freude alles wahrgenommen, was ich diesbezüglich an Aktionen und Reaktionen aus den Medien mitbekommen habe.

APA: Bei ihrem Geburtstagskonzert gratuliert man Ihnen mit eigenen Werken. Hören Sie Ihre Musik eigentlich gern, können Sie das pure Zuhören genießen?

Cerha: Ich freue mich, wenn andere meine Musik gerne hören; für mich selbst ist der Genuss - sowohl was die Komposition als auch die Ausführung betrifft - ständig durch meinen wachen, kritischen Geist bedroht.

APA: Geschichte - auch Musikgeschichte - wird retrospektiv und verkürzt geschrieben. Wenn Sie einen Absatz über sich selbst für ein Musiklexikon verfassen sollten, um Ihr Werk in eine Stilgeschichte einzuordnen, wie würde er lauten?

Cerha: Mein Schüler Georg Friedrich Haas hat einmal gemeint, ich sei immer schon wieder aus einer Schublade draußen, wenn man dabei ist, mich hineinzupacken. Das bezieht sich auf die Vielfalt an Ausdrucksweisen, die sich in meinem Gesamtwerk findet. Eine ihrer Grundlagen verdankt sich meiner Neugierde, mit der ich mich - ohne irgendwelche stilistische Vorgaben - nach dem Krieg als 20-Jähriger auf alles für mich Erfahrbare gestürzt und darin liegende Möglichkeiten der Gestaltung auszuloten begonnen habe. Nach einer Periode stärkerer Hinwendung zu Strömungen wie Neoklassizismus, Zwölftonkomposition und Serialismus habe ich dann in meinem Orchesterzyklus „Spiegel“ eine von traditionellen Formulierungen ganz freie Klangwelt geschaffen.

Nach dieser Arbeit war es aber mein Bedürfnis, meine bisherigen Erfahrungen wieder in mein musikalisches Denken einzubeziehen und Elemente aus beiden Welten organisch miteinander zu verbinden; in meiner Oper „Baal“ dürfte mir das zum ersten Mal nahtlos gelungen sein. Auch in der Integration weiterer Anregungen - etwa aus außereuropäischer Musik - habe ich nicht Vielfalt an sich angestrebt, sondern einen Reichtum an musikalischen Vorstellungen, der zu einem in sich stimmigen Kunstwerk verwoben ist.

APA: Wenn Sie auf Ihre Schaffensphasen zurückblicken: Hat sich Ihre Motivation und Ihre Herangehensweise an das Komponieren verändert? Gibt es dabei so etwas wie hilfreiche Routinen?

Cerha: Komponieren ist für mich wie atmen; es bedarf keiner besonderen Motivation, um es in Gang zu setzen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Zündende Einfälle legen nahe, dass man sie sofort festhalten will, ich habe aber mit der Niederschrift einer Partitur immer erst begonnen, wenn mir im Prinzip klar war, wie eine Komposition im Ganzen aussehen soll. Im Festlegen von Detailvorgängen bin ich sicher zunehmend kritischer geworden; wie weit ich dabei der Gefahr entgangen bin, Routine walten zu lassen, kann ich selbst schwer beurteilen.

APA: Hören Sie zu Hause in Ihrem Alltag Musik?

Cerha: Ich höre zu Hause nicht allzu viel Musik und das eher, wenn sich im Alltag Gelegenheit dazu ergibt. Dann höre ich nur, was mich interessiert und dabei ist der Bogen weit gespannt. Mich hinzusetzen, um bestimmte Werke zu hören, kommt eher selten vor und dann ziehe ich es vor, sie in der Partitur mitzulesen.

APA: Zeitgenössische Musik gilt oft als hermetisch. Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die sich zum ersten Mal auf Neue Musik einlassen?

Cerha: Das Angebot an Musik, die uns umgibt, ist heute so groß, dass man - wenn man auf Neues neugierig ist - sich vor allem vornehmen sollte, sich möglichst aufmerksam und vorurteilsfrei auf alles Erklingende einzulassen. Das ist nicht leicht, weil ja jeder, der Musik liebt, durch bisherige Erfahrungen geprägt ist. Den Ruf des Hermetischen hat sich die sogenannte „Neue Musik“ in den 50er Jahren erworben, wo eine bestimmte Richtung neuer Musik, der Serialismus, mit Langzeitfolgen die führende Schicht in der „Neue-Musik-Szene“ beherrscht hat.

Radikal serielle Werke aus dieser Zeit, die ein unbewusstes Mitvollziehen des musikalischen Geschehens wirklich schwer machen, ja es in gewisser Weise sogar unbewusst hintan halten wollten, sind daher nicht der ideale Anknüpfungspunkt. Schon die Protagonisten dieser Bewegung - etwa Nono, Boulez oder Stockhausen - haben aber verschieden rasch und gründlich diese Extrempositionen überwunden. Davon nicht unmittelbar berührt sind aber auch ganz andere Arten von Neuer Musik entstanden, die leichter direkt erfahrbar sind.

APA: Eine Empfehlung - vielleicht auch aus Ihrem eigenen Oeuvre?

Cerha: Die sogenannten „Klangkompositionen“ aus den 60er Jahren - wie „Atmosphères“ von Ligeti, meine „Spiegel“ oder Werke von Scelsi - erlauben ein direktes Eintauchen in eine Welt ruhiger und bewegter Klangflächen, während die stark rhythmisch konturierte amerikanische Minimal Music, die starken Einfluss auf Entwicklungen in der Popularmusik hatte und hat, animiert und wahrscheinlich die direktesten Anknüpfungspunkte für bisherige Erfahrungen bietet. Wer auch Musik in Filmen aufmerksam hört, wird darüber hinaus manche Verwandtschaften entdecken. Nicht alles an Musik des 20. und 21. Jahrhunderts wird sich - wie das auch bei Werken aus der klassischen Tradition der Fall ist - jedem erschließen, aber wer vieles aufmerksam und wiederholt hört, wird Entdeckungen machen und Freude daran haben.

(Die Fragen stellte Maria Scholl/APA)


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