Red Bull düpiert Mercedes - Titanenduell vor Spielberg-GP

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Vor dem Spielberg-Doppel ist die Formel-1-Hierarchie ins Wanken geraten. Red Bull Racing hat den langjährigen Alleinherrscher Mercedes zur momentanen Nummer zwei degradiert. Das wurde nirgendwo so deutlich wie am Sonntag, als sich das Red-Bull-Paket auf dem als Mercedes-Strecke verschrienen Circuit Paul Ricard als das beste erwies und Max Verstappen vor Lewis Hamilton gewann. „Der Wurm ist drinnen“, gestand Mercedes-Boss Toto Wolff. „Dieses Jahr wird es wirklich schwierig.“

Zur Freude der Formel-1-Fans, die der Serie auch in für den Blutdruck überschaubar gefährlichen Zeiten die Treue hielten, sind die Rennen jetzt aber keine alleinige Red-Bull-Show. Es gibt vielmehr einen epischen Zweikampf auf Messers Schneide. Auf einmal werden kleinste Zwischenfälle - wie der Tippfehler von Lewis Hamilton an seinem Lenkrad in Baku - entscheidend. Ein Wagnis, wie der zweite Boxenstopp von Verstappen in Frankreich können sich im Nachhinein als Geniestreich entpuppen. „Man kann sehen, wie nahe die zwei Teams beieinander sind“, sagte Verstappen. „Ich hoffe, das bleibt bis zum Ende der Saison so.“

In Le Castellet gaben die Red-Bull-Strategie, die perfekt arbeitende Boxencrew von Verstappen und der Instinkt des 23-Jährigen den Ausschlag. Der Niederländer holte vor und nach seinem ersten Reifenwechsel alles heraus und war dadurch vor Hamilton, als der von seinem Stopp auf die Strecke zurückkehrte. Danach geriet Verstappen zwar unter Druck, leistete sich als Führender jedoch keinen Fehler - ehe er zum überraschenden zweiten Stopp ansetze. Mit frischen Reifen fing er beide Mercedes im Finish noch ab und holte seinen dritten Saisonsieg nach Imola und Monaco.

Bei Mercedes lagen die Taktiker erneut falsch. „Wir glauben noch immer, dass der eine Stopp die bessere Strategie war. Aber dadurch, dass wir nach dem Stopp so hart kämpfen mussten, haben wir die Reifen einfach überbeansprucht“, erklärte Wolff. Am Ende waren Hamilton und Valtteri Bottas buchstäblich platt. Der heimliche Held war aber der letztlich drittplatzierte Sergio Perez im zweiten Red Bull, der genau die Jobbeschreibung erfüllte, die man bei seiner Verpflichtung mitgab: durch sein Renntempo gab er Verstappen den nötigen Rückhalt für sein taktisches Manöver.

„Absolut. Wenn Perez nicht im Boxenstoppfenster gewesen wäre, hätten wir zumindest mit einem Auto auch einen zweiten Stopp gemacht und den anderen Red Bull gefährden können“, zollte Wolff dem Mexikaner Lob. „Wir haben jetzt vier Autos auf einem Level.“ Damit nahm er auch seinen Schützling Bottas in Schutz, obwohl der in der entscheidenden Phase erneut keine Schützenhilfe für Hamilton leisten konnte. Erst musste der Finne Verstappen nach einem Fahrfehler wehrlos passieren lassen, schließlich auch Perez.

„Am Ende haben wir für beide Autos die richtigen Entscheidungen getroffen. Es ist toll, mit ‚Checo‘ (Perez; Anm.) auf dem Podium zu stehen. Wir sollten das alle einige Tage genießen, bevor es nach Österreich geht“, sagte WM-Leader Verstappen. Wohlwissen, dass der Fehlerteufel auch bei Red Bull gerne gastiert. Auf einer Rennstrecke mit Kiesbett wäre ihm sein Malheur in der ersten Kurve, als er das Heck seines Wagens verlor, teuer zu stehen gekommen. Auf der weitläufigen Asphaltwüste Paul Ricard aber passierte nichts. So kam der von den FIA-Kommissaren schon oft getadelte Verstappen diesmal auch ohne Zeitstrafe davon.

„Ich bin so stolz auf das ganze Team. Zwei Rennen nacheinander gewonnen, beide auf dem Podium und damit unsere Führung in beiden Weltmeisterschaften ausgebaut“, kam Red-Bull-Teamchef Christian Horner nicht aus dem Jubeln heraus. Der Engländer sprach auch die geglückte Revanche für Spanien an: Dort hatte Anfang Mai Hamilton die Pole Position, musste sich aber nach dem Start von Verstappen überholen lassen, der sehr lange wie der sichere Sieger aussah. Doch eine taktische Meisterleistung von Mercedes brachte am Ende Hamilton an die Spitze.

Bei den „Silberpfeilen“ begab man sich auf Fehleranalyse. Zu denken gibt Wolff, „dass wir hier, eigentlich eine Mercedes-Strecke, auf den Geraden so viel schwächer waren als Red Bull“. Hamilton war „nicht massiv enttäuscht“, wie er selbst sagte: „Natürlich hätten wir manches ein bisschen besser machen können, aber insgesamt waren sie das ganze Wochenende schneller als wir.“ Beim Grand Prix der Steiermark am kommenden Sonntag sollte man nicht erwarten, dass Mercedes den Stein der Weisen findet. „Dafür ist die Zeit auch viel zu kurz“, hielt der Wiener Wolff fest.


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