„Faschistenmord“ bei den Wiener Festwochen rüttelte auf

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Eine eingeschworene Familie, die jedes Jahr einen rituellen Faschistenmord begeht, institutionell gebilligte Gewalt gegen Frauen und eine Protagonistin, die die heiligen Familienregeln hinterfragt: Der Stoff von Tiago Rodrigues‘ Stück „Catarina e a beleza de matar fascistas“, hat es in sich. Wie dünn dabei die vierte Wand ist, zeigte sich am Mittwochabend in der Halle E des Museumsquartiers, wo das Lissabonner Teatro Nacional D. Maria II bei den Wiener Festwochen gastierte.

Sie wirken ein wenig wie eine radikalisierte Kelly Family: Acht Familienmitglieder aus drei Generationen treffen sich auf einem von Korkbäumen gesäumten Grundstück weitab der nächsten Stadt, um sich einmal mehr in „Schwester Catarina“, „Onkel Catarina“ und „Bruder Catarina“ zu verwandeln. Catarina, das ist die reale Catarina Eufémia, eine 1954 von der portugiesischen Salazar-Diktatur ermordete Landarbeiterin. Deren beste Freundin war im Stück die Großmutter der Familie, und sie schwor sich damals, an jedem Todestag Catarinas einen Faschisten zu erschießen. Der erste war ihr eigener Ehemann, der während des Mordes untätig danebengestanden hatte. Ihren Nachkommen hinterließ sie einen Brief, in dem sie dazu aufforderte, an der Rache festzuhalten. Und seither wird über den Gräbern der ermordeten Faschisten ein Korkbäumchen gepflanzt. Mittlerweile ist es ein kleiner Wald.

Irgendwann in der Zukunft, „acht Jahre nach der Pandemie“, trifft sich die Familie erneut. Man ist herausgeputzt, auch die Männer tragen portugiesische Trachtenkleider. Mittlerweile sind die Faschisten an der Macht, und man kommt mit dem Morden fast nicht mehr nach. Doch als „Tochter Catarina“ (ungemein stark: Sara Barros Leitao), die sich kurz zuvor noch mit den anderen (mit vielen Brecht-Zitaten) in Stimmung gebracht hat, zögert. Ist es wirklich der Wille der Großmutter, Faschisten zu töten? Sind die Verhältnisse heute nicht anders als 1954? Kann man sich nicht vielleicht auch anders wehren - zum Beispiel mit Worten? Die Familie ist schockiert und setzt alles daran, „Tochter Catarina“ zurück ins Boot zu holen. Doch als es dann soweit ist, kommt alles anders und am Ende des fast dreistündigen, pausenlosen Abends hält der freigekommene Faschist (beängstigend authentisch: Romeu Costa) eine sehr lange Rede, die doch die Frage aufkommen lässt, ob es nicht besser gewesen wäre, den Abzug zu drücken...

Moralische Dilemmata spielen im Laufe des Abends eine große Rolle. und in ein solches verwickelt man gekonnt auch das Publikum, das gegen Ende der Aufführung, die mittels Übertiteln auch ins Deutsche und Englische übertragen wurde, sichtlich emotionalisiert war. So erhoben sich während der furchterregenden Rede des faschistischen Politikers in den hinteren Rängen „Alerta“-Chöre, da wurde „Bella Ciao“ gesungen und versucht, den Schauspieler mit Störapplaus zum Schweigen zu bringen. Und so wurde der Abend zu einer Art Minidemo, zahlreiche Zuschauer verließen ostentativ den Saal. Das war allerdings kein Wiener Phänomen, auch bei bisherigen Aufführungen in Portugal kam es zu Unmutsbekundungen, die teils sogar zum Abbruch des Schlussmonologs führten.

Und so schaffen es Rodrigues und sein hervorragendes Ensemble tatsächlich, das Theater in die Realität hineinwirken zu lassen. Denn schon im Programmheft heißt es: „Wenn wir also das Theater als Vorzimmer zur Tat (ob politisch, sozial, kriminell etc.) betrachten, bekräftigen wir die transformative Kraft der Kunst und betonen gleichzeitig den fundamentalen Unterschied zwischen Theater und Tat, von dem wir glauben, dass sie in einigen Fällen als Katalysator dienen kann.“ Und weiter: „Die Freiheit der Imagination, die wir auf der Bühne genießen, erlaubt uns, soziale und rechtliche Normen zu umgehen. Wir können provozieren, herausfordern und bestehende Gesetze und Moralvorstellungen in Frage stellen.“ Das ist hier mit Bravour gelungen.

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