Nach Frisuren-Affäre schreiben Schweizer Geschichte

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Als seine ausgelassen jubelnden Mitspieler schon zu den Fans in der Kurve rannten, entschied sich Granit Xhaka für die andere Richtung. Der erste Weg des im packenden Achtelfinale von Bukarest überragenden Schweizer Kapitäns führte in die Arme von Trainer Vladimir Petkovic. „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagte der 28-Jährige spät am Abend nach dem Coup im Elfmeterschießen gegen Frankreich. Durch das 5:4 im Elfer-Showdown steht die „Nati“ erstmals im EM-Viertelfinale.

Am Freitag wartet in St. Petersburg Spanien. „Ich stehe noch ein bisschen neben mir“, sagte Torhüter Yann Sommer von Borussia Mönchengladbach, dem Club des Vorarlberger Trainers Adi Hütter. Sommer wehrte den entscheidenden Elfmeter von Frankreich-Star Kylian Mbappe ab. „Es war ein unglaublicher Fußballabend. Ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft.“

In der Heimat überschlugen sich die Medien. Die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA begann ihre Blitzmeldung mit: „Wahnsinn!“ Die Boulevardzeitung „Blick“ schrieb: „Sommer hext die Nati in den EM-Viertelfinal“. Die ehrwürdige „Neue Zürcher Zeitung“ nannte die Nacht eine „der denkwürdigsten“ der Schweizer Fußballgeschichte. Und tatsächlich spricht viel dafür, dass es der größte Sieg einer Schweizer Fußball-Nationalmannschaft in der 126-jährigen Geschichte des eidgenössischen Verbandes gewesen sein könnte.

Ein kleiner historischer Abriss: Am 6. Juni 1924 zog die Schweiz bei den Olympischen Spielen in Paris durch ein 2:1 gegen den Turnierfavoriten aus Schweden das bisher einzige Mal in das Finale eines großen Turniers ein. Am 24. Juni 1954 in Basel glückte ein 4:1-Erfolg gegen Italien und damit der Aufstieg ins WM-Viertelfinale (wo dann Österreich in der Hitzeschlacht von Lausanne 7:5 gewann). Am 22. Juni 1994 gelang in Detroit mit einem 4:1 gegen Rumänien der erste Schweizer WM-Sieg nach 40 Jahren. Doch an Bedeutung und Intensität können es diese denkwürdigen Momente nicht mit dem Sieg gegen Frankreich aufnehmen.

Das 1:0 durch Haris Seferovic (15.) hatte die Schweiz in der turbulenten Partie schon früh träumen lassen. Nach Toren von Karim Benzema (57. und 59.) und Paul Pogba (75.) sah dann der Weltmeister wie der sichere Sieger aus. Doch erneut Seferovic (81.) und Mario Gavranovic (90.) erzwangen die Nachtschicht in Bukarest.

„Wir wollten es vor dem Elfmeterschießen beenden“, sagte Xhaka, der als bester Spieler der Partie ausgezeichnet wurde. „Jetzt kennt jeder die Schweiz“, ergänzte der Arsenal-Profi. Kurz vor dem Elfer-Geplänkel hatte Xhaka seine Teamkollegen im Kreis der Spieler emotional auf die Nervenschlacht eingeschworen. „Es ist wirklich sehr, sehr schwer, Worte zu finden. Ich kann mich nur bei der Mannschaft bedanken“, sagte der Mittelfeldantreiber und schloss auch Trainer Petkovic und das Team hinter dem Team ein. „Jeder Schweizer kann stolz auf das sein, was wir geschafft haben.“

Nach dem bescheidenen 1:1 ersten Gruppenspiel gegen Wales hatte noch der Besuch eines Friseurs im Teamquartier der Schweizer eine etwas bizarre Diskussion ausgelöst. Im Mittelpunkt: eben Xhaka sowie Dortmund-Profi Manuel Akanji, die ihren Haaren eine Blondierung gegönnt hatten. Die Frage, wieso die Spieler keine anderen Sorgen hätten, als in Covid-Zeiten einen Coiffeur einzuladen, beschäftigte das Land tagelang und ließen tief in der Schweizer Seele bohren.

Doch nun ist das alles vergessen. Der immense Freudentaumel spülte den Wirbel um die Blondierungscreme hinweg. „Es war ein unglaublich schönes Gefühl“, sagte Xherdan Shaqiri über den entscheidenden Moment, als Sommer Mbappe und Frankreich in tiefe Trauer stürzte. Und gegen Spanien? „Man hat gesehen, alles ist möglich im Fußball“, sagte der blass gebliebene Liverpool-Spieler. „Wir werden diesen Tag heute genießen, und dann geht es weiter.“ Ein Wermutstropfen: Wegen seiner Verwarnung mit der Gelben Karte in der zweiten Hälfte wird Xhaka gegen die Iberer fehlen.


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