Joachim Löws Ära endet unerfüllt

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Die 15-jährige Ära von Joachim Löw geht für den Bundestrainer unerfüllt zu Ende. Die große Titelchance und ein damit verbundener ehrenvoller Abschied für Löw wurde vertan. Nach dem Highlight mit dem WM-Titel 2014 in Brasilien folgten für Deutschland ein Tiefschlag in Russland 2018 und ein Gefühl der großen Unzufriedenheit wie nun. Nach dem 0:2 im EM-Achtelfinale gegen England formierten sich auch die Kritiker. Diese gingen vor allem mit den Spielern hart ins Gericht.

Löw war naturgemäß enttäuscht. „Was fehlt: Abgebrühtheit, Kaltschnäuzigkeit in manchen Momenten. Die Mannschaft muss noch ein Stück reifen, um als Mannschaft erwachsen zu sein“, sagte der 61-Jährige in seiner Analyse kurz nach der Partie. Er benötige nun einmal eine Pause. „Vielleicht muss ich erst alles zulassen, Enttäuschungen, die Leere, die kommt. Mit Sicherheit gibt es neue Aufgaben für mich, die interessant sind“, sagte Löw. Von einem vorzeitigen Ruhestand wollte er nichts wissen.

Sieben Turniere spielte Deutschland unter Löw. Sieben Spiele wollten die Deutschen bei dieser EM bestreiten, um dem Schwaben einen krönenden Abschluss zu bereiten. Von den vier Auftritten samt Achtelfinale war jedoch nur das 4:2 gegen Portugal im zweiten Gruppenspiel überzeugend. „Am Ende haben wir nur eines von vier Spielen gewonnen und fahren dann irgendwie auch verdient nach Hause“, schrieb Verteidiger Mats Hummels auf Instagram. Gegen England wäre vielleicht noch die Wende geglückt, hätte Thomas Müller wenige Minuten nach dem 0:1 durch Raheem Sterling (75.) nicht am Tor vorbeigeschossen. Harry Kane (86.) schaffte danach die Vorentscheidung.

Müller meldete sich Mittwochfrüh ebenfalls per Instagram zu Wort. „Da war er, dieser eine Moment, der dir am Ende in Erinnerung bleibt, der dich nachts um den Schlaf bringt. Für den du als Fußballer arbeitest, trainierst und lebst“, schrieb der Bayern-Profi. Es tue ihm weh für das gesamte Team, so der 31-Jährige: „Meine Mitspieler und unseren Trainer, die mir allesamt das Vertrauen geschenkt haben genau dann zur Stelle zu sein.“ Zu seiner Zukunft im Nationalteam äußerte sich der erst zur EM ins Nationalteam zurückgeholte Müller nicht.

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Erwartet wird, dass Müller unter seinem ehemaligen Clubtrainer auch künftig für die DFB-Auswahl spielt. Hansi Flick soll in den eineinhalb Jahren bis zur WM 2022 in Katar wieder eine schlagkräftige Mannschaft aufbauen. Deutschlands Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der mit Flick befreundet ist, rechnet mit einem eher sanften Umbruch. „Hansi will nicht alles auf ein Langzeitprojekt und die EM 2024 in Deutschland ausrichten, er will schon im Winter 2022 in Katar Erfolge feiern, Weltmeister werden“, vermutete Matthäus in seiner „Sport Bild“-Kolumne.

Matthäus sah die Zeit im Nationalteam für manchen Spieler zu Ende gehend. Flick werde den einen oder anderen Akteur, „der nicht mehr so zum modernen Fußball passt, nicht mehr so stützen, wie es Jogi Löw macht“. Als nicht mehr sakrosankt gilt der 31-jährige Toni Kroos. Insgesamt schossen sich einige Experten eher auf die Spieler ein. Mehmet Scholl ortete eine fehlende Widerstandsfähigkeit. Man habe viele gut ausgebildete Profis im Team. „Wenn es aber eng wird, dann sind sie einfach nicht gut genug, dann schreien sie nach Mama“, sagte Scholl auf „Bild.de“.

Mit dem Abschied von Löw endet nach 15 Jahren die längste Strecke eines Bundestrainers. Im September geht für Deutschland erst einmal die WM-Qualifikation gegen Liechtenstein, Armenien und Island weiter. Der Ex-Weltmeister muss auf dem Weg nach Katar von Platz drei aus aufholen. Flick wird nicht viel ausprobieren können, muss es aber auch nicht. Das Grundgerüst mit viel Talent gerade in der Offensive (Kai Havertz, Serge Gnabry, Leroy Sane, Jamal Musiala) steht, als Leader sollen Joshua Kimmich und Leon Goretzka die Mannschaft führen.

„Wir haben eine Reihe junger Spieler, die in den nächsten zwei, drei Jahren nochmal einen großen Schritt nach vorne machen werden“, sagte Löw. Reife war sein Wort in Wembley. Sie fehlte seinen Team noch.


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