WHO sieht EM als Antreiber der Corona-Infektionszahlen

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Die Weltgesundheitsorganisation macht die Menschenmassen bei der Fußball-EM für den Wiederanstieg der Corona-Zahlen in Europa verantwortlich. Das Zusammentreffen von Fans aus verschiedenen Ländern und Regionen in Stadien, aber auch beim Public Viewing in Lokalen und Bars treibe das Infektionsgeschehen wieder in die Höhe, erklärte die WHO am Donnerstag. Nach einem zehnwöchigen Rückgang seien die Ansteckungszahlen in Europa in der letzten Woche um zehn Prozent gestiegen.

Auslöser seien die Menschenmengen in den Gastgeberstädten der EURO 2020, Reisen und die Lockerung der Kontaktbeschränkungen. Eine neue Corona-Welle sei unvermeidlich, wenn Vorsicht und Wachsamkeit aufgegeben würden. „Wir müssen viel mehr als nur die Stadien betrachten“, sagte die leitende Krisenexpertin der WHO, Catherine Smallwood. Es gehe auch darum, wie die Menschen dorthin kommen, ob sie etwa in überfüllten Bussen unterwegs seien oder in vollen Bars die Spiele verfolgen.

„Es sind diese kleinen, kontinuierlichen Ereignisse, die die Ausbreitung des Virus vorantreiben“, meinte Smallwood. Die Furcht vor einer neuen Corona-Welle im Herbst bestehe weiter. „Aber was wir jetzt sehen, ist, dass sie sogar noch früher kommen könnte.“ Auf die Frage, ob die EM ein „Superspreader“ werden könnte, meinte der Leiter des WHO-Regionalbüros Europa, Hans Kluge: „Ich hoffe nicht. Aber ausschließen kann man es auch nicht.“

Die Europäische Fußball-Union hält jedoch an den Plänen zu der umstrittenen Zuschauerzulassung fest. Die Maßnahmen zur Coronavirus-Eindämmung seien an jedem Spielort vollständig mit den Regularien der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden abgestimmt, teilte die UEFA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Die Entscheidung über die Anzahl der Zuschauer bei den Spielen und die Einreisebestimmungen liege in der Verantwortung dieser Behörden - die UEFA folge ihnen.

„Es ist nicht völlig auszuschließen, dass Veranstaltungen und Versammlungen letztlich zu einer lokalen Erhöhung der Fallzahlen führen könnten“, sagte der medizinische Berater des Verbands, der Schweizer Daniel Koch. „Aber dies würde nicht nur für Fußballspiele gelten, sondern auch für alle Situationen, die nun im Rahmen der von den zuständigen örtlichen Behörden beschlossenen Lockerungsmaßnahmen erlaubt sind.“

Die europaweiten Impfkampagnen und Grenzkontrollen würden „dazu beitragen, dass in Europa keine neue große Welle startet und die jeweiligen Gesundheitssysteme unter Druck setzt, wie dies bei den vorherigen Infektionswellen der Fall war“, meinte Koch. Der deutsche Innenminister Horst Seehofer nannte die Position der UEFA am Donnerstag indes „absolut verantwortungslos“. Es sei vorgezeichnet, dass ein Fußballspiel mit 60.000 Zuschauern das Infektionsgeschehen befördere, vor allem in einem Land, das bereits stark von der Delta-Variante betroffen sei, meinte Seehofer mit Blick auf die Halbfinal-Spiele im Londoner Wembley-Stadion. Dort soll auch das Finale stattfinden.

Zahlen aus Schottland bekräftigten Kritiker. Knapp 2.000 Corona-Fälle lassen sich nach offiziellen Angaben dort mit den EM-Spielen in Glasgow und London in Verbindung bringen. Die meisten davon fielen aber nicht in den unmittelbaren Zuständigkeitsbereich der UEFA. Zwei Drittel von 1.991 positiv Getesteten seien Fans, die entgegen der Ratschläge nach London gereist seien. Am 18. Juni hatten die Schotten im Wembley gegen England gespielt.

Knapp 400 Infizierte aus Schottland sollen im Stadion gewesen sein, während in der Innenstadt Tausende weitere Fans Straßen und Plätze bevölkerten. Die Infektionszahlen beziehen sich auf positiv Getestete, die während ihrer ansteckenden Phase EM-Spiele oder Fan-Events besucht haben - und zwar zwischen dem 11. und dem 28. Juni. Drei Viertel der Infizierten waren der Behörde zufolge zwischen 20 und 39 Jahre alt, neun von zehn waren Männer.

In Italien wurden vor dem Viertelfinale zwischen England und der Ukraine am Samstag in Rom Forderungen nach strengeren Kontrollen laut. Die italienische Botschaft in London gab bekannt, dass britischen Fans der Eintritt ins Stadion verwehrt bleibe, selbst wenn sie Tickets für das Spiel hätten. Dies gelte auch für jede Person, die sich in den vergangenen 14 Tagen auf der britischen Insel aufgehalten habe.

Die fünftägige Quarantäne nach Einreise für die englischen Fans müsse strikt überwacht werden, sagte der Staatssekretär des Gesundheitsministeriums, Pierpaolo Sileri. Da sich England erst am Dienstag für das Viertelfinale qualifiziert hat, ist es für von der Insel kommende Fans somit nicht möglich, die Bestimmung einzuhalten. Englands Verband, der im Vorfeld ein Kontingent von 2.560 Tickets zugeteilt bekommen hatte, versucht nun, die Karten an in Italien lebende England-Fans zu vermitteln. 16.000 dürfen in Summe in Rom ins Stadion.

In St. Petersburg, wo am Freitag das Viertelfinale zwischen Spanien und der Schweiz ausgetragen wird, spitzt sich die Lage zu. In Russland wurde von den Behörden am Donnerstag 672 Corona-Todesfälle binnen 24 Stunden vermeldet. So viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Die Impfskepsis in Russland ist nach wie vor hoch. In der Arena von St. Petersburg sollen dennoch 50 Prozent der mehr als 60.000 Plätze beim letzten Turnierspiel in der russischen Metropole besetzt werden.


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