Theater im Bahnhof bespielt Lüftungsbauten im Wald

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Im zweiten Anlauf - den ersten hatte ein Gewitter zunichtegemacht - hat es geklappt. Am Freitag ging die neueste Produktion des Grazer Theater im Bahnhof (TiB) mit dem ebenso sperrigen wie vielversprechenden Titel „Donna Haraway darf Graz doch noch nicht verlassen“ über die Bühne. Besser gesagt: in den Wald.

Diesmal hatte das Team um Regisseur Helmut Köpping einen besonders ausgefallen Ort für das diesjährige Sommerstück des Theaters im Bahnhof ausgesucht: die monumentalen Lüftungsbauwerke Plabutschtunnels, die weithin sichtbar an den Hängen des Buchkogels aus dem Wald ragen. Das rund eineinhalbstündige Stück erzählt die Geschichte einer ratlosen Waldkommune von Pilz-Freaks und bedient sich dabei der Gedankenwelt und Fragestellungen der Postmodernismus-Ikone Donna Haraway.

Die Bewohner des als saisonabhängige Aussteigerplattform angelegen Camps sind zum Teil mit klassischen, schablonenhaften Charakteren ausgestattet. Da ist das beziehungskrisengeschüttelte Paar (Eva Hofer/Lorenz Kabas), die lästige Lokalreporterin (Juliette Eröd), die Hippie- Sängerin („Country-Liz“ Elisabeth Holzmeister) oder der fanatische Klimaschutzaktivist (Johnny Mhanna). Eine eindeutig originellere Rolle hat Jacob Banigan, der einen verschrobenen Alternativsender-Macher spielt, der versucht, sich mithilfe eines Selbstexperiments in eine Symbiose aus Pilz und Mensch zu transformieren. Sehr amüsant ist eine Szene, in der eine skrupellose Geschäftsfrau (Monika Klengel) mit dem Moped in den Wald angerauscht kommt und mit den Campbewohnern um ihre Pilzfunde feilscht.

Der Pilz als Lebensform dient mit seiner netzartiger Struktur dem Stück als eine Art Sinnbild und Katalysator, um dem Publikum die Gedanken der titelgebenden US-Amerikanerin näherzubringen. Haraway setzt sich in ihrem Werk unter anderem mit den grundlegenden Veränderungen unserer immer stärker technologisierten Gesellschaft auseinander.

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Zum philosophischen Ansatz der Produktion gehört es wohl auch, dass sowohl das Spiel der Figuren als auch ihre Dialoge für TiB-Verhältnisse ungewohnt abgehoben und bühnenhaft ausfallen. Im Lauf des Stücks verwandelt sich der männliche Part des bereits erwähnten Beziehungskrise-Paares sukzessive in die Gestalt Donna Haraways. Das dient als Klammer zum bildgewaltigen Finale.

Vor dem monumentalen Ansaugstutzen für das Belüftungssystem des darunter im Berg verlaufenden, zehn Kilometer langen Straßentunnels verwandelt sich das Stück in ein getanztes Mysterientheater, bei dem die riesige Betonkonstruktion optisch wie akustisch eindrucksvoll bespielt wird. Der kräftige Applaus des Publikums gilt nicht nur Lorenz Kabas, der mit seiner furiosen Tanzperformance am Schluss allerdings einen der Höhepunkte des Abends setzte.

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