Johnson legt Plan für Ende der Corona-Regeln vor

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Abstandsregeln, Maskenpflicht, Homeoffice: Der britische Premierminister Boris Johnson will trotz steigender Infektionszahlen die verbliebenen Corona-Maßnahmen in England bis zum 19. Juli weitgehend aufheben. Das geht aus einer Pressemitteilung der Regierung vom Montag hervor. Johnson wollte noch abends die Pläne in einer Pressekonferenz vorstellen. In Großbritannien steigen die Infektionszahlen seit Wochen wieder stark an.

Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche, wurde zuletzt mit 214 angegeben (Stand: 29. Juni). Allein am Sonntag waren mehr als 24.000 Neuinfektionen registriert worden. Grund dafür ist die hochansteckende Delta-Variante, die in Großbritannien inzwischen fast alle Fälle ausmacht.

Gleichzeitig verharrt die Zahl der Todesfälle mit 122 Covid-Toten innerhalb einer Woche (bis zum 29. Juni) derzeit noch auf relativ niedrigem Niveau. Auch die Krankenhauseinweisungen steigen bisher nicht im selben Maße wie die Ansteckungen. Die Regierung führt das auf die erfolgreiche Impfkampagne zurück. Inzwischen sind 86 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien mindestens einmal geimpft. Knapp 64 Prozent der über 18-Jährigen haben bereits beide Impfungen.

Die Regierung in London geht davon aus, dass die Infektionszahlen weiter steigen, doch müsse man nun lernen, mit dem Virus zu leben. Die Eindämmung der Pandemie soll künftig den Menschen selbst überlassen werden. „Während wir lernen, mit dem Virus zu leben, müssen wir alle weiterhin umsichtig mit den Risiken durch Covid-19 umgehen und Abwägungen im täglichen Leben treffen“, sagte Johnson der Mitteilung zufolge. Die geplante Aufhebung der Corona-Regeln gilt zunächst für den größten Landesteil England. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden selbstständig über ihre Maßnahmen.

Kritische Stimmen kommen jedoch von Experten und Vertretern des chronisch unterfinanzierten Gesundheitsdiensts NHS, der am Montag den 73. Jahrestag seiner Gründung feierte. Saffron Cordery vom Krankenhausverband NHS Providers warnte, der Gesundheitsdienst sei in einer „ziemlich angespannten Situation“. Zwar seien die Zahl der Covid-Patienten nicht so hoch wie in früheren Wellen, aber es gebe auch einen enormen Rückstau an anderen Behandlungen, die in der Pandemie aufgeschoben wurden.

Vor allem das geplante Ende der Maskenpflicht traf auf Unverständnis. „Wir wissen, dass Masken funktionieren“, sagte die für die medizinische Grundversorgung beim NHS England zuständige Nikki Kanani dem „Times Radio“ am Montag. Der Chef der Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA), Chaand Nagpaul sagte im BBC-Radio, es sei nicht nachvollziehbar, dass man in einer Zeit hoher Infektionszahlen, „Menschen wissentlich einem Infektionsrisiko aussetzt“.

Auch der Verhaltenspsychologe Stephen Reicher von der Universität in St. Andrews, der die Regierung in der Pandemie berät, warnte vor einem Ende der Maskenpflicht. Er verglich das Maskentragen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen im Verkehr. „Meine Freiheit, schnell zu fahren, beeinträchtigt die Sicherheit anderer. Meine Freiheit, keine Maske zu tragen hat Auswirkungen auf die Sicherheit anderer vor einer Covid-Erkrankung“, so Reicher der BBC zufolge. In diesen Bereichen sei eine Regulierung notwendig.


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