England gegen Dänemark um den großen Final-Moment

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Im zweiten EM-Halbfinale zwischen England und Dänemark treffen zwei Welten aufeinander. Ein Aus der auf dem Spielfeld bisher so kühl und konzentriert auftretenden Engländer in der heimischen Fußball-Kathedrale würde eine ganze Nation aus ihren Träumen reißen. Die unbequemen und hochemotionalisierten Dänen haben am Mittwoch (21.00 Uhr/live ORF 1) dagegen längst nichts mehr zu verlieren. Es winkt wie 1992 ein Überraschungscoup.

„Für mich und einige der anderen erfahrenen Spieler ist das die letzte Gelegenheit, bei einem großen Turnier in Wembley zu spielen. Was für eine Möglichkeit. Was für ein Moment das sein wird“, schwärmte Englands Kapitän Harry Kane am Dienstag in einem Interview der BBC. Es geht um eine Ereignis, auf das Generationen warten müssen: Seit dem WM-Titel 1966 haben die „Three Lions“ kein Endspiel mehr bei einem großen Turnier erreicht.

In dieser Hinsicht hat Dänemark als Europameister von 1992 dem Favoriten etwas voraus. Lassen ausgerechnet die Nordländer Englands Stimmung kippen? „Die Motivation für uns ist, dass wir die Zuschauer zum Schweigen bringen“, sagte Trainer Kasper Hjulmand.

Sein Team hat bekanntlich eine hochdramatische Reise durch dieses Turnier erlebt. Die Szenen, wie Spielmacher Christian Eriksen auf dem Platz wiederbelebt werden musste, gingen um die Welt. Natürlich käme der erste Finaleinzug seit fast drei Jahrzehnten einem ballesterischen Märchen gleich. Italien oder Spanien würden warten.

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Simon Kjaer und Co. werden zwölf Mann überwinden müssen. Bis zu 67.500 Menschen werden im Londoner Wembley-Stadion fast ausschließlich England nach vorne peitschen, das Gros der reisefreudigen Dänen wird von britischen Beschränkungen in Coronazeiten ausgesperrt. Nur dänische Staatsbürger, die in England leben, können auf den Rängen dabei sein. Immerhin royale Unterstützung hat sich angesagt. Der sportaffine Kronprinz Frederik und seine Frau Kronprinzessin Mary werden samt Sohnemann Christian im Wembley logieren, wie die Nachrichtenagentur Ritzau berichtete.

Natürlich baut der Außenseiter auf das Kollektiv. Kapitän Kjaer, Champions-League-Sieger Andreas Christensen und „Sechser“ Thomas Delaney geben dem Team die notwendige Stabilität, in der Offensive kompensieren die jungen Mikkel Damsgaard, Kasper Dolberg und Co. den Eriksen-Ausfall bravourös. Und der Trainer setzt im Vorfeld die ersten Nadelstiche. „Sie müssen sehr, sehr gut sein, um uns zu schlagen“, sagte der in Mainz noch kläglich gescheiterte Hjulmand in Richtung der Engländer. Die hatte Dänemark im bisher letzten Aufeinandertreffen, am 14. Oktober 2020 in der Nations League, im Wembley mit 1:0 bezwungen. Eriksen traf damals per Elfmeter.

Bei allem wohl berechtigen Hype um die dänische Truppe gilt es aber zu bedenken: Einen grandios aufspielenden Gegner hat sie im Turnierverlauf bisher nicht bezwungen. Zwar gab das Entkommen aus der Gruppe nach zwei Niederlagen zum Auftakt mit einem dann überzeugenden 4:1 gegen Russland einen gewaltigen Schub, doch Wales war im Achtelfinale eher keine Hürde (4:0). Im Viertelfinale zuletzt ging den Tschechen im Finish merklich die Luft aus (2:1).

Ähnlich verhält es sich aber auch mit den Engländern, die unter dem nun Vorzeige-Pragmatiker Southgate und dem Pflichtaufstieg aus der Gruppe ein eher maues deutsches Team (1:0) und defensiv vogelwilde Ukrainer (4:0) aus dem Turnier warfen. Englischen Daumendrückern ist das einerlei, vielleicht hat Southgate ja tatsächlich eine perfekt geölte Turniermaschine geformt.

Das größte Plus der Mannschaft ist die Defensive, die mit Harry Maguire noch einmal stabiler wurde und noch immer kein Gegentor kassiert hat. Mitverantwortlich dafür sind die immens ballsicheren Sechser Declan Rice und Kalvin Phillips, die zwar das Risiko mit dem Ball, aber dagegen keinerlei Drecksarbeit scheuen. Und auch die breit aufgestellte Offensive um den nun dreifachen Torschützen Kane hat Schwung aufgenommen.

Die Euphorie ist längst geschürt. „Die Möglichkeit, unseren Fans und unserer Nation Glück und großartige Nächte zu bescheren, ist eine ganz besondere“, bekundete der 50-jährige Southgate gegenüber der BBC. „Bei diesen Spielen wird man sich daran erinnern, wo man war. Die schönsten Nachrichten danach sind die, in denen die Menschen wertschätzen, was die Spieler geleistet haben - dass sie sich mit ihnen verbunden fühlen. Darauf sollten sie sehr stolz sein“, sagte Southgate.


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