Jedermann Eidinger spielt „das Sterben des toxischen Mannes“

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Der Berliner Lars Eidinger (45) ist der 20. Jedermann-Darsteller in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Er ist begeistert von Stück, Ensemble und Probenatmosphäre. Er interpretiert das Hofmannsthal-Stück als „Abgesang auf das Patriarchat“ und möchte „die Leute dazu verführen, sich darin zu erkennen“, sagt er im APA-Interview. Vorerst hat er einen Zwei-Jahres-Vertrag, „aber vielleicht spiele ich bis zu meinem Lebensende hier den Jedermann“. Premiere ist am 17. Juli.

APA: Herr Eidinger, wie haben Sie denn bisher normalerweise Ihre Sommer verbracht?

Lars Eidinger: Ich arbeite gerade im Sommer sehr viel. Früher einmal, als ich noch wesentlich mehr Theater gespielt habe, habe ich immer in den Theaterferien Filme gedreht, weil das die einzige Möglichkeit war. Ich bin ja - das vergisst man oft, und gelegentlich sogar ich - seit 1999 festes Ensemblemitglied der Schaubühne. Ich hab dort zwar sechs Stücke im Repertoire, aber ich probe nicht mehr so viel. Das heißt, ich kann auch Filme drehen und hab mir die letzten Jahre auserbeten, dass ich sechs Wochen freihabe, die ich mit meiner Familie verbringen kann. Ich bin zwar mit Italien großgeworden, meine Eltern sind immer ins gleiche Hotel an den gleichen Strand gefahren, bin inzwischen aber frankophil. Ich liebe Frankreich. Wir fahren immer auf eine französische Insel, machen aber auch oft Urlaub in Paris.

APA: Sie betonen immer wieder, wie sehr Sie es lieben zu proben und zu spielen. Können Sie überhaupt abschalten?

Eidinger: Ich wollte immer genau das machen, was ich jetzt mache. Wenn ich nichts mache, bin ich nicht glücklich. Ich liebe meine Arbeit - so etwas ist nur gesellschaftlich fast negativ konnotiert. Es ist tatsächlich so, dass ich darin Ruhe finde. Wenn man die Türen schließt, das Licht ausmacht, alle Handys für zwei, drei Stunden abschaltet und den Vorhang öffnet, dann empfinde ich das als absoluten Genuss. Natürlich tut sich um mich herum wahnsinnig viel, aber ich im Zentrum befinde mich in der absoluten Ruhe - vielleicht die Ruhe, die man im Zentrum eines Orkans vermutet. Das genieße ich.

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APA: Im Dezember haben Sie bei Ihrer Vorstellung gesagt: „Ich bin sehr gespannt darauf, was mir Jedermann erzählt.“ Was hat Ihnen Jedermann seither erzählt?

Eidinger: Ich bin ganz begeistert von diesem sehr einfach Stilmittel der Allegorie. Das hatte ich in dieser Konsequenz noch nie, dass man sagt, jede Figur steht für etwas. Man muss den „Jedermann“ genauso lesen. Der Untertitel „Vom Sterben des reichen Mannes“ führt zu einem Missverständnis, das einen auf Distanz gehen lässt. Da vergisst man, dass damit wir gemeint sind: jeder Mann - und nicht jede Frau und nicht jeder Mensch. Es ist ein Abgesang auf das Patriarchat, aus heutiger Sicht interpretiert ist es das Sterben des toxischen Mannes. Es muss jeder für sich selbst entscheiden, inwieweit er sich in dieser Figur wiederfindet. Als Schauspieler gehe ich eigentlich immer so an Figuren heran, dass ich mich präsentiere - in Gestalt dieser Figur. Ich glaube nicht an so etwas wie Verwandlung. Ich fand es schon immer seltsam, wenn es heißt: Der spielt nicht, der ist. Ich finde den spielerischen Moment am attraktivsten. Ich möchte nicht wer anderer werden, ich möchte wen anderen spielen - und ich selbst dabei bleiben.

APA: Dieser Jedermann ist aber sehr privilegiert, hat Geld wie Heu und lässt Menschen in den Schuldturm werfen. Weltlich scheint er unantastbar. Nicht wirklich eine Identifikationsfigur.

Eidinger: Den Menschen fehlt es an dieser Fähigkeit zur Selbstreflexion. Aber wenn man hier in Salzburg durch die Gassen geht, sieht man ja einen Jedermann nach dem anderen. Das sehe ich tatsächlich als meine Aufgabe: Dass ich die Leute dazu verführe, sich darin zu erkennen.

APA: Wenn man durch die Gassen geht, sieht man auch an jeder zweiten Hausecke Bettlerinnen und Bettler. Wie begegnen Sie dieser Präsenz der Armut in Zeiten eines Hochkulturfestivals, bei dem auch Reich und Schön in die Festspielhäuser pilgern wird?

Eidinger: Schwierig, aber mit diesem Widerspruch gehen wir ja tagtäglich um. Diese Frage stellt man sich ja immer wieder aufs Neue: Wie schafft der Mensch, darüber hinwegzusehen, dass er auch in diesem Missverhältnis funktioniert. Das ist ja immanent am kapitalistischen System, dass es auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung basiert.

APA: Wie geht man mit dieser Schuld um: Dass man Teil dieses Systems ist und nicht dagegen ankommt?

Eidinger: Das ist die große Frage. Schuld ist ja tatsächlich ein großes Thema. Es ist interessant, dass es eine Spiegelfigur des Jedermann gibt, den Schuldknecht. Ihm vergibt der Jedermann seine Schulden nicht. Das ist das zentrale Thema: Wie geht man mit Schuld um, und wie arrangiert man sich mit dieser Bigotterie? Ich finde es interessant, wie oft Jedermann Gott anruft - obwohl er ungläubig ist. Die Widersprüchlichkeit ist das, was den Menschen zum Menschen macht.

APA: „Jedermann“ ist ein katholisches Stück. Erlösung findet die Hauptfigur, indem sie zum Glauben findet.

Eidinger: Ich glaube, es geht darüber hinaus. Es ist zu einfach, zu sagen: Wenn Du im Sinne der katholischen Kirche handelst, bist Du erlöst! Das Stück geht weiter.

APA: Sind das Fragen, mit deren Beschäftigung Sie auch selbst als Mensch profitieren können?

Eidinger: Auf jeden Fall. Das ist das große Privileg meines Berufs. Ich gehe immer als völlig neuer Mensch aus solchen Produktionen hervor. Es ist wie ein ewiges Studium. Ich genieße das total, dass ich immer wieder kathartische Momente erfahren und die eigenen Werte komplett hinterfragen kann. Solange man sich seine Irrtümer eingestehen kann, entwickelt man sich weiter. Beim Jedermann ist das Interessante, dass er die Möglichkeit hat, durch die Konfrontation mit dem Tod sich selbst, sein ganzes Dasein und seine Werte zu hinterfragen.

APA: In Salzburg werden Sie als Jedermann auch abseits der Bühne noch einige Rollen in einer Art übergeordnetem Theater übernehmen müssen. Da gibt‘s traditionell viel Rummel, vom Bieranstich bis zum ständigen Angequatscht-Werden. Wie werden Sie diese Rollen anlegen - sich verweigern, mitspielen oder gar genießen?

Eidinger: Man kann das schon ganz gut steuern. Mir ist das alles hier noch etwas fremd - aber wenn ich das herausfordere und jeden Abend ins „Triangel“ gehe, dann muss ich mich nicht wundern, angesprochen zu werden. Ich hab aber auch gar kein Problem damit. Ich freu‘ mich eigentlich eher darüber, vor allem, wenn es ein wirklicher Austausch ist und kein Star-Kult. Ich will mich ja konfrontieren. Deswegen wäre es fatal, mich dem zu verweigern.

APA: An der Schaubühne sind Sie unglaubliche 22 Jahre Ensemblemitglied. Keine Lust auf Veränderung, weil Sie dort eh schon alles haben, was Sie sich als Schauspieler erträumen?

Eidinger: Als Student war das mein größtes Schreckensbild: alte Mimen, die nur noch in der Kantine sitzen und in der Ritterrüstung Anekdoten erzählen. Ich hab es immer so gehandhabt, dass ich meinen Vertrag immer nur um ein Jahr verlängert habe. Das sich immer wieder aufs Neue füreinander Entscheiden ist auch das Geheimnis einer guten Beziehung. Die Vorstellung, dass ich seit 1999 am gleichen Theater engagiert bin, mutet auch mir befremdlich an. Aber ich habe neulich ein Zitat gelesen: Zuhause ist nicht dort, wo man wohnt, sondern wo man verstanden wird. In diesem Sinne ist die Schaubühne tatsächlich mein Zuhause.

APA: Über 350 Mal haben Sie den Hamlet bereits gespielt. Wie oft könnte es der Jedermann werden?

Eidinger: Keine Ahnung. Man spielt ihn ja nur so selten pro Saison - viel zu wenig! Am Anfang habe ich gesagt, ich möchte ihn nur ein Jahr spielen, dann kam Corona, und ich hab mir gedacht: Dann sehen das ja nur halb so viele Leute. Und ich habe mit Ulrich Tukur und Nina Hoss gesprochen, die beide gesagt haben: Das zweite Jahr ist viel schöner. Also hab ich Bettina Hering (die Schauspielchefin, Anm.) angerufen, sie hat sich gefreut und wir haben einen Zwei-Jahres-Vertrag gemacht. Ich weiß nicht, ich kann‘s nicht prognostizieren - aber im Moment habe ich eher das Gefühl: Vielleicht spiele ich bis zu meinem Lebensende hier den Jedermann. (Lacht) Das wird man mich nicht lassen. Aber im Moment macht‘s Spaß. Der Sommer in Salzburg - das ist schon etwas ganz Besonderes.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Lars Eidinger, geboren am 21. Jänner 1976 in Berlin, ist einer der prominentesten deutschsprachigen Schauspieler der Gegenwart. Er studierte an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. 1999 kam Eidinger als festes Ensemblemitglied an die Berliner Schaubühne - wo er bis heute engagiert ist. Legendär wurden sein Richard III. und sein Hamlet, den er bereits über 350 Mal gezeigt hat, Gastspiele in Moskau, Paris, Jerusalem und Istanbul inklusive. Sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gab er 2011 als Angelo in William Shakespeares „Maß für Maß“. Sein Durchbruch auf der Kinoleinwand gelang Eidinger mit Maren Ades Beziehungsdrama „Alle anderen“ 2008 an der Seite von Birgit Minichmayr. Seine Filmografie ist seither lange und vielfältig. „Tatort“-Rollen sind ebenso darunter wie Filme mit Peter Greenaway („Goltzius & The Pelican Company“), Olivier Assayas („Personal Shopper“ mit Kristen Stewart), Lars Kraume („Terror“ u.a.) und Tim Burton („Dumbo“). Er spielte in „Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“ (2017) ebenso wie in den Serien „Babylon Berlin“ und „Ich und die Anderen“. In Russland stand er für Aleksey Uchitels Drama „Matilda“ als Zar Nikolaus II. vor der Kamera. In der BBC-Thrillerserie „SS-GB“ über die fiktive Besetzung Großbritanniens durch Hitlers Schergen spielt er einen Nazi. 2018 erhielt er den Österreichischen Filmpreis als „Bester männlicher Darsteller“ in „Die Blumen von gestern“.


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