„It‘s coming Rome“ - Italien feierte Titel und Mancini

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Als frisch gekürter Europameister ist Italien am Montag triumphal in die Heimat zurückgekehrt. Mit goldener Krone auf dem Kopf reckte Italiens Kapitän Giorgio Chiellini vor den Fans in Rom im Morgengrauen stolz den EM-Pokal in die Höhe. Tausende jubelnde Fans empfingen die Mannschaft. „It‘s coming to Rome“, hatte Final-Torschütze Leonardo Bonucci schon kurz nach dem 3:2 im Elferschießen gegen England in die Kameras gebrüllt.

Der müde Erfolgstrainer Roberto Mancini verabschiedete sich mit Sonnenbrille zunächst für einige Stunden zu seiner Familie, um dann zum Empfang beim italienischen Regierungschef Mario Draghi zurückzukehren. „Wir können noch nicht begreifen, was wir geschafft haben“, sagte er. Mit dem dramatischen Erfolg im Londoner Wembley-Stadion krönte sich Italien zum zweiten Mal nach 1968 zum Europameister. Mancini wurde von Italiens Presse gefeiert. Von der „Gazzetta dello Sport“ erhielt er die Höchstnote 10.

Nach der Siegerehrung ging der 56-Jährige mit Medaille um den Hals ein paar Schritte nachdenklich über den Rasen, gemeinsam mit Torschütze Bonucci schoss er dann ein kurzes Erinnerungs-Selfie. „Mancinissimo“, titelte die „Gazzetta“ am Montag. Das Sportblatt erhob Mancini in den azurblauen Pantheon mit den ehemaligen Titel-Trainern Vittorio Pozzo (WM 1934 und 1938), Ferruccio Valcareggi (EM 1968), Enzo Bearzot (WM 1982) und Marcello Lippi (WM 2006).

Der ehemalige Stürmer, der in seiner aktiven Zeit der Nationalmannschaft nie wirklich große Bedeutung hatte, hat eine Mannschaft geformt, die sich mit Offensivdrang, vor allem aber mit Teamgeist zum EM-Titel gekämpft hat. „Wir haben gespürt, dass etwas Magisches in der Luft lag“, sagte Chiellini. „Wir verdienen es, ganz Italien verdient es. Wir haben immer Fußball gespielt, um Spaß zu haben. Auch nach dem frühen Schock haben wir das Kommando übernommen“, meinte der Abwehrrecke mit Blick auf das 0:1 durch Luke Shaw (2.).

Dass Italien vor allem ab der zweiten Spielhälfte eine dominante Vorstellung ablieferte, war Mancinis Verdienst. So nahm er den wirkungslosen Ciro Immobile vom Feld. Als Bonucci nach einem Eckball abstaubte (67.) war dies hochverdient. „Der Trainer hat uns gezeigt, dass wir etwas Außergewöhnliches schaffen können, wenn wir daran glauben“, sagte Bonucci. „Dieser Sieg ist der Beweis, dass man immer daran glauben muss. Auch wenn man ganz unten ist“, sagte der Juventus-Profi im Rückblick auf 2018, als die WM ohne Italien stattfand. Der damalige Verbandschef Carlo Tavecchio sprach von einer „Apokalypse“.

Dass die Italiener trotz zu EM-Start 27 Spielen ohne Niederlage am Ende den Titel stemmen, war nicht unbedingt vorhersehbar. Vor dem Turnier hatten die „Azzurri“ in allen Mannschaftsteilen nicht annähernd so große Namen wie die Franzosen, Belgier oder Portugiesen. Jetzt schwärmen alle von Linksverteidiger Leonardo Spinazzola, dessen Ausfall von Emerson aufgefangen wurde, Taktgeber Jorginho oder dem im Finale erneut starken Angreifer Federico Chiesa. Keine Rede ist mehr vom mit Vorurteilen behafteten Catenaccio vergangener Jahre.

Nicht jeder Trainer hätte ein Innenverteidiger-Tandem mit dem Durchschnittsalter von 35 Jahren nominiert. Aber das Juventus-Gespann Chiellini und Bonucci verrichtete erstklassige Arbeit. Aus den drei Gruppenspielen gingen die Italiener ohne Gegentor hervor, ab dem Achtelfinale traf der jeweilige Gegner - u.a. Österreich beim 1:2 n.V. - nur einmal. „Wir haben es geschafft, ein ganzes Volk glücklich zu machen, das ist legendär“, schwärmte Bonucci, der ein Foto aus dem Hotel von sich und Chiellini postete - den silbernen Pokal im Bett zwischen den beiden: „Keine Angst, er wird gut schlafen“, schrieb er dazu.

Es fiel nicht ins Gewicht, dass Italien keinen Torjäger hatte. Immobile sollte es sein, der Lazio-Angreifer hatte jedoch nicht seine beste Form. Fünf Italiener hielten mit EM-Ende bei je zwei Treffern im Turnier. Mehr schaffte kein Europameister.

Großen Anteil am Erfolg hatte auch Torhüter Gianluigi Donnarumma, der im Elfmeterschießen sowohl im Halbfinale gegen Spanien als auch im Endspiel der gefeierte Held war und zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Der 22-jährige Keeper sagte um Worte ringend: „Wir waren spektakulär, wir waren grandios.“ Chiellini merkte an: „Ich darf glücklich sein, weil ich mit Gianluigi Buffon gespielt habe. Nun spiele ich mit Donnarumma - es ist dasselbe.“

Nach dessen entscheidender Parade im Finale brach in Rom und vielerorts in Italien der Verkehr zusammen. In der Hauptstadt fuhren fahnenschwenkende Fans in Autos und auf Motorrädern um die Altstadt. An den großen Plätzen entzündeten viele Feuerwerk und bengalische Lichter. Die Polizei schritt größtenteils nicht ein. In Mailand wurden drei Menschen bei den Feiern schwer verletzt. Rettungskräfte brachten sie in Kliniken. Einer von ihnen soll durch die Explosion eines Feuerwerkskörpers Finger verloren haben.

Mancini hat seinen Vertrag langfristig bis 2026 verlängert, die WM im kommenden Jahr in Katar ist das nächste große Ziel der Azzurri. So weit wollte Mancini im großen Jubel noch nicht vorausblicken. Erst einmal genoss er den Moment: „So etwas Schönes habe ich noch nie erlebt“, sagte er sichtlich gerührt.


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