Salzburger „Jedermann“ mit Stilmix, Boxen und Regenprognose

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Die Salzburger Festspiele starten am Samstag mit dem „Jedermann“ am Domplatz. Aus der angekündigten Wiederaufnahme wurde nicht nur wegen der vielen Neubesetzungen eine Neuinszenierung. Das Rätseln um die Kostüme hat seit Dienstagabend ein Ende: Das Ensemble trägt genderfluide Outfits, stilistisch angesiedelt zwischen Renaissance, Barock und 21. Jahrhundert. Das Bangen um das Wetter geht weiter. Derzeitige Prognose für Samstagabend: hundertprozentige Regenwahrscheinlichkeit.

Fünf der sechs letzten „Jedermann“-Premieren mussten indoor stattfinden, nur 2019 kam der Regen erst mit dem Todeskuss. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Serie hält und die vielen Neuheiten, die Regisseur Michael Sturminger in den vergangenen Wochen mit seinem Team erarbeitet hat, nicht auf dem Domplatz, sondern im Großen Festspielhaus begutachtet werden müssen, ist hoch. Nach dezidiert zeitgenössischen Interpretationen habe man sich vom Heute „in Richtung Zeitlosigkeit, aber auch in Richtung historischer Referenzen“ bewegt, hatte Sturminger angekündigt. Seit der gestrigen Fotoprobe hat man eine Ahnung, was damit gemeint sein könnte: Die neue Buhlschaft Verena Altenberger tanzt in rotem Seidenchiffon und trägt darunter einen Hosenanzug. Der neue Jedermann Lars Eidinger tritt in schwarzem Renaissancerock, einer aus Goldgarn gestrickten Hose im 1970er-Stil und blauen Absatzschuhen auf. Die Fotos zeigen aber auch den Jedermann im Fatsuit oder im Boxring, mit dem Schuldknecht als ausgeknockten Gegner. Ein bunter Stilmix kündigt sich also an.

In Abwandlung des Secessions-Mottos hatte Schauspielchefin Bettina Hering angekündigt: „Jeder Zeit ihren Jedermann, jedem Jedermann seine Freiheit.“ Man darf gespannt sein, wie Lars Eidinger, der von Stück, Kollegen und Probenatmosphäre in den höchsten Tönen geschwärmt hatte, diese Freiheit nutzen wird. Sicher ist, dass es daneben auch zahlreiche spannende Umbesetzungen gibt. So spielt Angela Winkler Jedermanns Mutter: „Ich wollte nie in Salzburg arbeiten. Ich wohne am Meer, die ganze Corona-Zeit war ich dort“, bekannte sie. Überzeugt habe sie schließlich die Besetzung ihres Sohnes mit Eidinger und die zusammengewürfelte, doch hochkarätige Kollegenschaft, mit der sie auf der Bühne steht: „Ich wollte wieder eine Familie um mich haben. Hier gibt es eine Theatertruppe, ein Ensemble, das gefällt mir.“

Winklers Vorgängerin als Jedermanns Mutter, Edith Clever, spielt nun den Tod. „Es hat mich gereizt, mich mit dem Thema zu befassen - wie es sich ja auch in meinem Alter gehört. Denn eines ist sicher: Der Tod kommt“, erklärte die 80-Jährige, die an der Berliner Schaubühne Theatergeschichte geschrieben hat. Als Bühnen-Tod im „Jedermann“ habe sie allerdings ein kleines Problem: „Ich darf mich nicht abweisen lassen, egal was Lars als Jedermann probiert.“

Mavie Hörbiger hat in den vergangenen Jahren als ausgezehrte, im Spitalsbett liegende Werke beeindruckt. Während ihre Rolle nun auf die Tischgesellschaft aufgeteilt wurde, wird sie diesmal sowohl den Teufel als auch Gott spielen. „Das macht für mich Sinn, das sind zwei Seiten einer Medaille.“ Als sie hörte, sie sei die erste Frau, die den Teufel spiele, erklärte sie: „Ich hoffe, dass, wenn ich die Rolle wieder abgebe, die Geschlechtlichkeit dann keine Rolle mehr spielt.“ Und als Sturminger noch eines drauf setzte, auch Gott sei noch von keiner Frau gespielt worden, lachte Hörbiger: „Oh Gott! Und als nächstes Mal dann den Jedermann!“ Vorläufig hat jedoch Lars Eidinger für die Rolle einen Zwei-Jahres-Vertrag - und kündigte im APA-Interview schon augenzwinkernd an: „Vielleicht spiele ich bis zu meinem Lebensende hier den Jedermann.“

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