„Maggie the Cat“ lässt es bei ImPulsTanz schnurren

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Mit einem wuchtigen, lebensprallen Paukenschlag hat am Freitagabend das ImPulsTanz-Festival die Regentschaft im Wiener Akademietheater übernommen - und das Haus zu Laufsteg, Disco und Herrensitz mutiert. Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell, einer der heurigen Schwerpunktkünstler des Festivals, nimmt sich in „Maggie the Cat“ Tennessee Williams‘ „Katze auf dem heißen Blechdach“ als Rahmen für eine kraftvolle Aneignung von Szene-, Geschlechter- und Moderollen vor.

Dabei lässt Harrell die im Sterben begriffene, patriarchale Klasse der Theatervorlage gänzlich beiseite. Er selbst steht als „Big Mama“ am Bühnenrand, wo ihm rappend Perle Palombe als „Big Daddy“ Gesellschaft leistet. Und doch geht es nicht um die Südstaaten-Plantagenbesitzer, sondern deren Bedienstete, die bei Williams allenfalls eine funktionale Rolle innehaben.

Bei Harrell sind sie aktive Selbstermächtiger. Sie eignen sich den Raum an, in dem Rudimente der herrschenden Klasse drapiert sind. Die Alltagsgegenstände werden zu Artefakten ritualisiert, dienen zweckentfremdet als Modeaccessoire. So schaffen die acht Performer aus einem Polster oder einem Handtuch Haute Couture, die im dekadenten, lasziven Gang des Laufstegs präsentiert wird. Oder sie mutieren mit angeklebtem Kissen zu mobilen Sofas.

Von allzu langer Dauer ist diese Feier der Modewelt nicht, weicht sie doch dem Voguing, einem in der queeren Subkultur New Yorks entstandenen Tanzstil, der Harralls Markenzeichen ist. Was gleich bleibt, ist der individuelle Moment der einzelnen Darsteller, die dennoch aus den Individuen eine vielgestaltige, vielstimmige Gruppe bilden, in der Geschlechter- und Körperstereotype beiläufig abgeräumt werden. Im Endeffekt sind alle die toughe, selbstbewusste Maggie, die titelgebende Katze auf dem heißen Blechdach, die von Big Daddy und Big Mama über den Abend hinweg mit Gesängen beschwörungsformelgleich gefeiert wird.

„Maggie the Cat“ bleibt dabei nicht der einzige Einsatz von Harrell beim heurigen ImPulsTanz. Am Sonntag (18. Juli) ist parallel zur zweiten Aufführung des Stückes im mumok kino sein Film „Friend of a Friend“ zu sehen, der eine Performance in der Pariser Fondation Cartier pour l‘art contemporain vom März dokumentiert. Am Montag (19. Juli) dann steht die Arbeit „Dancer of the Year“ im Odeon am Programm. Bei diesem Solo reflektiert Harrell Butoh und zollt dem japanischen Choreografen Tatsumi Hijikata seinen Respekt - und unserer Selfiekultur.

(S E R V I C E - Weitere Aufführung von Trajal Harrells „Maggie the Cat“ am 18. Juli um 19.30 Uhr im Akademietheater. www.impulstanz.com/performances/2021/id1366/ )


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