Salzburger „Jedermann“: Starke Frauen, maskenloses Publikum

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Es ist tatsächlich die angekündigte Neuinszenierung geworden: Rund um Lars Eidinger als neuen Jedermann und Verena Altenberger als neue Buhlschaft hat Michael Sturminger Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ ganz neu aufgesetzt. Nicht alles dabei ist ein Gewinn. Während eine deutliche Kräfteverschiebung zugunsten der Frauen spürbar ist, findet die Inszenierung stilistisch keine klare Linie und wirkt wie postmodernes Patchwork. Dennoch gab es am Samstagabend ostentativen Jubel.

Dass der Auftakt der Salzburger Festspiele wetterbedingt statt am Domplatz im Großen Festspielhaus über die Bühne gehen werde, war angesichts der Wetterprognose seit Tagen klar gewesen. So fand die sechste „Jedermann“-Premiere der vergangenen sieben Jahre erneut indoor statt und stieg der Pegelstand der Salzach während der zwei Stunden Spielzeit deutlich. Immerhin: Anders als 2018, als bei einem heftigen Gewitter Wasser in den Zuschauerraum des Großen Festspielhauses eintrat, blieb man diesmal im Trockenen.

Drei Frauen hinterlassen bei dieser Neuinterpretation den stärksten Eindruck. Edith Clever, 2017-2020 Jedermanns Mutter, hat Peter Lohmeyer als Tod abgelöst. Auf das schauerlich agile Gerippe in Stöckelschuhen folgt nun eine eisige, unerbittliche Tödin, die mit ihrem hohen, in zwei Spitzen auslaufenden Kopfputz einem alten Gemälde entstiegen zu sein scheint. Den einzigen Szenenapplaus der zweistündigen Aufführung gab es für Mavie Hörbiger, die ihre schwindsüchtigen, aus einem Spitalbett auftretenden Werke (die diesmal auf die als Gespenster in weiße Gaze gehüllte Tischgesellschaft aufgeteilt wurden, aus praktischen wie theoretischen Gründen keine besonders gute Idee) zugunsten der Rollen von Gott und Teufel getauscht hatte. Frech, wendig, doch nicht allzu raumgreifend gab sie der Abräumer-Rolle des Stücks Zucker und sorgte, als sie vom Glauben (Kathleen Morgeneyer) ihres Teufels-Pelzes beraubt wurde, für den einzigen Lacher des Abends: „Das ist Belästigung!“

Und dann natürlich Verena Altenberger als Buhlschaft. Anders als ihre Vorgängerinnen Stefanie Reinsperger, Valery Tscheplanowa und Caroline Peters, die alle auf ihre Weise versucht hatten, die Eigenständigkeit der Rolle herauszuarbeiten, bekommt sie von der ersten Sekunde an eine deutlich stärkere Position zugestanden. Ihren ersten Auftritt absolviert sie - ja, mit Igelfrisur! - auf den Schultern des von ihrem roten Schleier verdeckten Jedermann, ordert an seiner Stelle ein Fest und weist ihn, der anstelle des Koches den Einwand vorbringt, es gäbe von der letzten Party noch genügend Reste für zumindest zwei kalte Gänge, zurecht. In diesem Haushalt hat die Frau nicht nur bildlich gesprochen die Hosen an. Auch bei der Tischgesellschaft ist mehr sie als Jedermann die Gastgeberin. Dafür erhält das Paar zwei ausführliche, innige Liebesszenen. Bei der ersten werden die Beiden von den zu Voyeuren gewordenen Adabeis gestört, die zweite mutiert zur wortlosen, mit Musik unterstützten Abschiedsszene, bei der die Buhlschaft den Todgeweihten neuerlich einwickelt.

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Lars Eidinger hat von „toxischer Männlichkeit“ gesprochen, die in dem Stück stellvertretend für uns alle an den Pranger gestellt werde. Im Bestreben, seinen Jedermann als für alle akzeptable Identifikationsfigur anzulegen, wird allzu lange ein Max Mustermann daraus. Ohne Charisma, ohne Spaß am Besitz, ohne Lust an der Machtausübung. Den Bettlern erklärt er in aller Ruhe, „das ganze System“ sei eben eine Schaukel mit zwei Enden: „Unten müssen mehr sein als oben, sonst hält die Schaukel nicht.“ Den Boxkampf gegen den Schuldknecht - eine ganz schlechte szenische Idee, für die zudem ein störender Umbau auf offener Bühne stattfinden muss - gewinnt er fast beiläufig. Was diesen Jedermann antreibt, erfährt man nicht. Dafür bekommt man sehr viel von seinem Selbstmitleid und seinen menschlichen Enttäuschungen mit, als sich das Blatt wendet, seine Lebenszeit gezählt ist und ihm alle abhandenkommen, die ihn auf seinem letzten Weg begleiten könnten. Im Leiden gewinnt dieser Jedermann an Größe. Ob‘s dann jedoch wirklich die ganz große Leidensnummer zum Abschluss sein muss, den Sturminger als Pieta mit dem Tod arrangiert, ist fraglich.

Überhaupt ist einiges an dieser Neuinszenierung, die sprachlich wieder mehr auf Hofmannsthal zurückgeht (was sich u.a. in einer auffälligen Häufung von „nit“ niederschlägt) keine Verbesserung. Dazu zählen die wild stil-gemixten „genderfluiden“ Kostüme, bei denen etwa Jedermann manchmal mit Stöckelschuhen und Fatsuit und manchmal in roter Turnhose unterwegs ist, und die neue, von zwei Holztürmen flankierte Bühne, die mittelalterliche Wehrtürme ebenso sei könnten wie Bestandteile eines Kletter-Parcours. Auch die wenig akzentuierten Auftritte von Angela Winkler als Jedermanns Mutter und Mirco Kreibich als Mammon (in schlüssiger Doppelrolle mit dem Schuldknecht) sowie die Gesangseinlagenversuche von Eidinger überzeugen nicht. „Everyman!“ wechselt Jedermann dann noch ins Englische: „Me, We!“. Das scheint aber vor allem ein Insider-Gag. Genauso heißt nämlich auch der neue Film von Verena Altenberger, der soeben in die Kinos gekommen ist.

Die Premierengäste schienen höchst angetan, umjubelten das neue Ensemble und spendeten am Ende Standing Ovations. Mehrheitlich ohne Maske freilich. Denn die freundlichen Durchsagen von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Intendant Markus Hinterhäuser zu Beginn, man empfehle in den Festspielhäusern zumindest das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, wurde von den meisten Gästen ignoriert. Nicht nur gegenüber den übrigen Besuchern, sondern auch gegenüber der Jugend, die nach der Absage des letzten verbliebenen Pop-Festivals, des Frequency, den versprochenen „Sommer wie damals“ vergessen kann, keine allzu solidarische Geste.

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