Geschärfte Waffen im WM-Kampf

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Lewis Hamilton hat sich mit einem kontrovers diskutierten Heimsieg in der Formel-1-WM zurückgemeldet. Der Vorsprung von Max Verstappen und Red Bull schmolz in Silverstone in Punkten und Leistungsstärke des Autos, doch er ist noch da. Nach dem Crash zwischen Hamilton und Unfallopfer Verstappen flogen die verbalen Giftpfeile. Die WM ist nun auch rhetorisch ein Kampf. „Wenn du hinten liegst, musst du alle Waffen in deinem Arsenal schärfen“, erklärte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Rund viereinhalb Stunden dauerte es, bis sich Verstappen nach dem ärgsten Crash seiner Karriere zu Wort meldete. „Sich die Feierlichkeiten anzusehen, während man noch im Krankenhaus ist, ist respektlos und unsportlich“, richtete der Niederländer in Richtung Mercedes-Lager aus. Die in seinen Augen zu geringe Strafe gegen Hamilton „hilft uns nicht weiter“, schrieb der mit blauen Flecken davongekommene WM-Leader.

Hamilton hatte in der Startrunde bei der Anfahrt auf die 290 km/h schnelle Copse-Kurve eine Attacke gegen Verstappen geritten. Durch eine Reifenberührung unmittelbar nach dem Einlenken drehte sich der Red Bull von der Strecke - und schlug laut den Sensoren am Auto mit einer negativen Beschleunigung von 51-G in die Reifenstapel ein.

Hamilton kassierte für „überwiegend schuldhaftes“ Verhalten eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe, die den Briten aber nicht vom Gewinnen abhielt. Red Bulls Führungsriege um Teamchef Christian Horner und Berater Helmut Marko schäumte. Schon als das Rennen nach einer 45-minütigen Unterbrechung fortgesetzt wurde, hatte Horner Hamilton ein Verzweiflungsmanöver unterstellt, bei dem er sich wie ein Amateur verhalten habe. Marko forderte überhaupt eine Rennstrafe für Hamilton.

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Naturgemäß ganz anders sahen das die Sieger, die auch ein Aerodynamik-Update ausgepackt hatten. „Ich denke nicht, dass ich mich für irgendetwas entschuldigen muss“, sagte Hamilton nach seinem 99. Karriere-Triumph und nun acht Punkten Rückstand auf Verstappen. Er werde sich „niemandem beugen“ und nie dazu verleiten lassen, weniger aggressiv zu fahren, schob Hamilton nach. Er sah das Manöver, das ihm auch rassistische Beleidigungen im Netz einbrachte, als Rennunfall. „Er hat eine Lücke gelassen, und ich habe es versucht.“

Der siebenfache Weltmeister war vor seinem Heimrennen unter Druck gestanden. Nach fünf sieglosen Rennen, darunter zwei klare Niederlagen in Spielberg, hatte Silverstone bereits vorentscheidenden Charakter im WM-Kampf. Und nach Momenten, in denen Hamilton gegen den sich stets aggressiv verteidigenden Verstappen den „Sir“ gegeben hatte, steckte er diesmal vor seinem frenetischen Heimpublikum nicht zurück. „Hamilton machte klar, dass er in dieser Saison keinen Zoll mehr nachgeben wird“, stellte der „Guardian“ fest.

Für seinen achten Silverstone-Triumph nahm Hamilton diesmal vieles in Kauf. „Der Crash zwischen Hamilton und Verstappen hat das Klima der beiden Kombattanten von kühl auf eiskalt gestellt. Ab sofort gibt es keine Geschenke mehr“, bemerkte die Online-Ausgabe von „auto motor und sport“. Die Boxrunde in Silverstone ging an die Silberpfeile. „Mercedes hat das Schlüsselrennen gewonnen. Mit 43:3 Punkten (Verstappen gewann das Sprintrennen).“

Dass Verstappen nach dem Unfall ins Krankenhaus musste, wusste Hamilton eigenen Angaben zufolge bis nach dem Rennen nicht. „Das besorgt mich“, erklärte der Brite und schrieb später auf seinen Social-Media-Kanälen. „Ich sende meine besten Wünsche an Max, der ein unglaublicher Wettkämpfer ist. Ich bin froh zu hören, dass es ihm gut geht.“ Er sehe die Kollision als „Erinnerung an die Gefahren in diesem Sport“, schrieb Hamilton zudem. „Ich würde gerne denken, dass wir generell an diesen Erfahrungen wachsen und daraus lernen sollten.“

Fast ging unter, dass der zweitplatzierte Charles Leclerc beinahe den ersten Saisonsieg für Ferrari einfuhr. „Wir sind trotz der knappen Niederlage happy, weil das Team die Schwachpunkte verstanden und richtig darauf reagiert hat“, sagte Mattia Binotto, der Teamchef der in Frankreich noch schwer geschlagenen Scuderia. „In den letzten drei Rennen hat unser Speed im Rennen immer gestimmt.“ Dass Ferrari seine Reifenprobleme nachhaltig gelöst hat, glaubte Leclerc nicht. „Wir haben noch nicht Antworten auf alle unsere Fragen bekommen.“


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