Choreografin Marin: Kein Interesse, „etwas Nettes zu machen“

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Mit 15 Jahren schon ein „Classic“: Heute, Donnerstag, Abend zeigt ImPulsTanz im Wiener Volkstheater die Reprise von „Umwelt“. Für das Stück der französischen Choreografie-Ikone Maguy Marin, das bei seiner Uraufführung für Tumulte im Publikum sorgte, ist es nach 2006 und 2009 bereits die dritte Aufführungsserie in Wien. „Die Menschen gewöhnen sich langsam, sehr langsam daran“, schmunzelt Marin im Gespräch mit der APA. Die Themen des Stücks sind von unverminderter Aktualität.

Ausbeuterische Beziehungen der Menschen - zu einander, zur Natur, zu den Ressourcen des Planeten. Habenwollen und wegwerfen, laut dröhnend und unbarmherzig ausgeleuchtet zwischen Spiegelkabinett und reißendem Wind. „Ich habe nichts an dem Stück geändert“, so Marin. „Aber es kann sein, dass es heute, auch durch die Pandemie, mit anderen Augen gesehen wird.“ Drei oder vier Jahre habe es gedauert, bis das Publikum wertschätzend auf „Umwelt“ reagierte. „Bei der Uraufführung kamen Menschen auf die Bühne und haben die Darsteller angeschrien: ‚Es lebe das Ballett!‘ - jahrelang verließen viele Zuschauer den Raum.“

Warum? „Weil es nicht Tanz ist“, sagt Marin, die selbst im Ballett als Tänzerin begann, sich in ihren Stücken aber konsequent den Normen von Tanz, Handlung und Dramaturgie verweigert. „Je älter ich werde“, so die 70-Jährige, die 2016 mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet wurde, „desto weniger interessiere ich mich dafür, etwas Nettes oder Hübsches zu machen.“ Sie fürchte sich nicht davor, eine politische Künstlerin zu sein. „Ich suche immer noch, mit jedem neuen Stück, einen Weg, mit Tanztheater Energie zu erzeugen - eine Energie, um die Welt zu verändern.“

Dass durch die Corona-Pandemie ein Fenster für Veränderung, für ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft geöffnet wurde, daran hat Marin „am Anfang der Pandemie geglaubt - mittlerweile sehe ich, dass wir nicht zuhören, dass wir immer weiter dasselbe tun, wir bewegen uns politisch sogar rückwärts“. Dass der deutsche Begriff „Umwelt“ heute einen stark ökologischen Aspekt hat, entspricht nicht unbedingt seiner Bedeutung als Titel. „Ich unterscheide nicht zwischen der Natur als unsere Umwelt und allen anderen Faktoren, die auf den Menschen und sein Verhalten wirken - heute schiebt man gerne alles auf die Klimakrise und tut so, als hätte sie nichts damit zu tun, wie wir als Menschen miteinander umgehen.“

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Dass sie sich 2004 eben für den deutschen Begriff entschied und nicht für das französische „Milieu“, hat mit dieser Spannbreite des Begriffs, auch innerhalb der Verhaltensforschung zu tun. Denn ihre Stücke handeln stets vom Menschen und seinem Handeln - meist keine Wohlfühlprogramme. In der Vorwoche brachte sie ihr neues Stück „To Go Take a Closer Look“ beim Festival Avignon zur Uraufführung, ein Blick auf einen „Bürgerkrieg, wo die Gewalt und die Intoleranz keine Grenzen kennt“, basierend auf Texten über den Peloponnesischen Krieg. Sie arbeitete daran während der Coronakrise, „jeden Tag, ohne zu wissen, wann und wo es aufgeführt werden kann“. Seit sie keine fixe Company mehr hat - und insbesondere in Lockdown-Zeiten - erschuf sie ihre Bühnen- und Bewegungswelten meist allein zu Hause, zwischen Filmen, Büchern, Bildern. Das Ergebnis, laut „Le Monde“: „Ein zeitloses Schlachtfeld.“

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)

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