Hass im Netz: Doris Knechts neuer Roman „Die Nachricht“

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Eigentlich hätte Ruth genügend Lasten zu tragen. Der Mann starb vor vier Jahren bei einem von einem Rowdy verursachten Skiunfall. Der Sohn hat keine Lust mehr auf die Schule. Stieftochter Sophie verweigert Auskunft über den Vater ihres Kindes. Da erhält Ruth (und bald nicht nur sie) plötzlich anonyme Messenger-Nachrichten, die übel über sie herziehen. Doris Knechts neuer Roman „Die Nachricht“ handelt von der Vergiftung unseres Lebens durch digitale Ruhestörer und Verleumder.

Die Kräfte sind dabei allerdings höchst ungleich verteilt. Ruth muss feststellen, dass die Gesellschaft bis in ihren engeren Freundeskreis hinein ein recht genaues Bild davon hat, wie eine „trauernde Witwe“ zu sein hat, und ab wann sie beginnt, eine Belastung zu werden, wenn sich nicht endlich wieder so etwas wie Normalität einstellt. Verbale Attacken gegenüber Frauen im Alltag sind weitgehend ebenso toleriert wie gegen sie verbreiteter Hass im Netz. Die Geschichte, die hinter der Entstehung von Ruths „Enkelin“ Molly steckt, entpuppt sich als genauso schrecklich wie befürchtet. Aus Misstrauen gegenüber einer patriarchal dominierten Rechtsprechung hat sich Sophie gegen eine Anzeige entschlossen.

Auch Ruths verstorbener Mann Ludwig war offenbar anders als gedacht und erhofft. Er hatte eine Affäre und möglicherweise bereits seinen Absprung vorbereitet, als er aus dem Leben gerissen wurde. Ruth hat ihre Rivalin im Verdacht, die Hassnachrichten gegen sie zu verbreiten, aber keine Beweise. Als sie die andere Frau mit ihrem Verdacht konfrontiert, hat sie eine Weile Ruhe. Doch dann fängt alles wieder an. Die Rivalin aber, mittlerweile in einer neuen Beziehung und schwanger, scheint tatsächlich andere Sorgen zu haben und ist offenbar doch unschuldig. Doch die Verleumdungen gehen weiter. Der Troll trollt sich nicht.

Die Journalistin und Kolumnistin Doris Knecht, für ihre Romane wie „Gruber geht“ (2011), „Wald“ (2015) oder „weg“ (2019) mehrfach ausgezeichnet, beschreibt, wie ein an sich völlig intaktes soziales Netzwerk allmählich zerrüttet wird, wenn „das“ nicht aufhört. Auch die vielen Freunde und Familienmitglieder der Drehbuchautorin Ruth, die ein gehobenes Mittelstandsleben in einer Kleinstadt am Rande einer Metropole führt, quasi im erweiterten Speckgürtel, erhalten in unregelmäßigen Abständen auf Ruth bezogene Hass-Nachrichten. Zunächst helfen sie noch eifrig mit, um den oder die Urheber/in ausfindig zu machen. Aber irgendwann wollen sie davon einfach nichts mehr hören. Es gibt Wichtigeres im Leben, nicht? Und könnte es nicht sein, dass eigentlich Ruth selbst ein Problem hat? Dass sie sich ändern sollte? Vielleicht werden diese Nachrichten dann kein Problem mehr, hören vielleicht überhaupt auf? Ruth sieht sich mit dem bekannten Phänomen der Schuldumkehr konfrontiert - und beginnt an allem zu zweifeln und sich zu isolieren.

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„Die Nachricht“ beschreibt ein bestimmtes soziales Biotop und die in ihm herrschenden Mechanismen mit großer Glaubwürdigkeit. Angesichts der gleichzeitig aufgebauten Spannung macht das Ende, das der Roman nimmt, allerdings nicht recht glücklich. Aber das gilt ja bekanntlich für die meisten Dinge im Leben.

(S E R V I C E - Doris Knecht: „Die Nachricht“, Hanser Berlin, 256 Seiten, 22,70 Euro)


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