Fotoschau in Wien erzählt über die koloniale Sammelwut

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Der Umgang mit geraubten Kulturschätzen aus vormals europäischen Kolonien sorgt derzeit für heftige Debatten. Das Wiener Photoinstitut Bonartes widmet sich ab Freitag mit einer kleinen Ausstellung über den Nachlass des österreichischen Völkerkundepaares Emma und Felix von Luschan nun ebenfalls dieser Thematik und versucht, dem damaligen Menschenbild als anonymes Anschauungsobjekt eine biografische Aufarbeitung gegenüberzustellen.

Felix von Luschan (1854-1924) zählt zu den Gründungsfiguren der Anthropologie im deutschsprachigen Raum. Als solcher versuchte der später an das Königliche Museum für Völkerkunde zu Berlin berufene Forscher gemeinsam mit seiner Frau durch „typische“ Merkmale indigener Kulturen aus aller Welt die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nachzuzeichnen. Willkommenes Mittel dazu war die „Typenfotografie“: Dabei wurden Menschen in der immer gleichen Position - ähnlich der späteren Mugshots von Tatverdächtigen: einmal frontal, einmal im Profil - abgelichtet, um sie vergleichen zu können.

Lange galt die private Luschan-Fotosammlung als verschollen. Erst 2017 wurden die rund 4.000 Aufnahmen am Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien wiederentdeckt. Die Wissenschafterin Katarina Matiasek hat sie im Auftrag von Bonartes aufgearbeitet und in weiterer Folge die Ausstellung „Überleben im Bild“ kuratiert.

Den umfassenden Bestand der Eheleute erklärte Matiasek bei einer Presseführung am Donnerstag mit der regelrechten Sammelwut der damaligen Zeit: „Damals dachte man, dass der ‚Forschungsgegenstand‘ bald verloren sein wird, da man davon ausging, dass indigene Völker die sich im Zuge des Kolonialismus ausbreitende westliche Moderne nicht überleben würden.“

Die Ausstellung beschränkt sich auf eine kleine Auswahl dieser Porträts - und das nicht nur wegen der vorherrschenden Platznot. Denn der Impetus sei schon auch gewesen, „die ursprüngliche Absicht hinter den Fotos umzudrehen“, sagte Bonartes-Leiterin Monika Faber. „Die fotografierten Menschen wurden als naturwissenschaftliche Sammlungsobjekte gesehen. Einer unserer Schwerpunkte war, die Biografien dahinter nachzuzeichnen“, ergänzte Matiasek.

Also hat die Kuratorin vier aufwendig recherchierte Lebensgeschichten bzw. ihre noch vorhandenen Splitter ins Zentrum gerückt - etwa jene des neunjährigen Knaben Soli aus dem heutigen Papua-Neuguinea, der zur „Erziehung“ nach Berlin verbracht und 1893 Luschan als „lebendes Modell“ diente, wovon neben den Typenfotografien auch eine gegossene Gesichtsmaske zeugt. Zwei Jahre später musste er aus gesundheitlichen Gründen zurück in seine Heimat, blieb aber für die dortige Mission tätig.

Yagond aus dem heutigen Tansania war Teil der „Ersten Deutschen Kolonialausstellung“ 1896, die das Kolonialisierungsprojekt bewerben sollte. In vermeintlich urtümlichen Kulissenbauten wurden Maasai-Leute als „Wilde“ inszeniert. Obwohl sich Yagonds Spur danach wieder verliert, wurde sein Profilfoto für überlebensgroße anthropologische Lehrtafeln verwendet, die noch viele Jahre lang in Volks- und Mittelschulen Europas hingen.

Nicht uninteressant ist, dass sich bei aller Sammelwut aus fernen Ländern die Luschans auch selbst als Forschungsobjekt betrachteten. Sie machten auch von sich Typenfotografien. Felix fertigte eine Gesichtsmaske von sich an, Emma konservierte eine ihrer Haarlocken in einer Glasphiole für die Nachwelt. Überhaupt habe der Pionier der Völkerkunde eine „liberale Haltung“ gehabt und dem afrikanischen Kontinent - entgegen der gängigen Meinung - eigene kulturelle Leistungen zugeschrieben. „Zugleich war er ein Unterstützer und Nutznießer des Kolonialismus“, meinte Matiasek.

Sie lässt anklingen, dass bald eine deutlich größere Auswahl des Luschan-Archivs via Online-Datenbank öffentlich einsehbar gemacht werden könnte. Faber wiederum hofft, auf Basis des Fundes mittelfristig eine umfangreichere Ausstellung realisieren zu können. Angesichts der Brisanz des Themas wäre das ein durchaus lohnendes Unterfangen.

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