Not des Geräuschemachers: Roman „Der Charme der langen Wege“

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Lambert und Bert - das klingt wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, aber auch wie Pat und Patachon. In seinem neuen Roman „Der Charme der langen Wege“ erzählt Hanno Millesi von einer Doppel-Existenz. Als Lambert ist der Protagonist ein unscheinbarer, ziemlich schräger Zeitgenosse, als Bert ist er ein Meister seines Faches. Bert ist Geräuschemacher und gemeinsam mit seinem Tontechniker als Duo „Sindy & Bert“ unschlagbar. Am Donnerstag liest Millesi bei den O-Tönen im Museumsquartier.

Bert weiß, wie‘s geht. Wie er ganz altmodisch und analog jene Geräusche erzeugt, die im Kino für eine hyperrealistische Beglaubigung des Gesehenen sorgen. Und wie jene Geräusche klingen, die in der Imagination der Zuschauer die ihnen vorgesetzten Zukunftsbilder erst so richtig festsetzen lassen. Nicht nur für die Gegenwart gilt: Die Welt ist alles, was Geräusch ist. Der Antrieb eines UFOs etwa - von Bert erzeugt durch das rasche Flappen einer Flip-Flop-Sohle oder das Entweichen des Überdrucks einer Espressokanne.

Doch Bert hat zwei Problemzonen, die ihn wieder zum Lambert werden und diesen ziemlich alt aussehen lassen. Zum einen der technische Fortschritt. Computer sorgen immer mehr für eine perfekte Geräuschkulisse, „ein Orchester der Zahlen anstatt der Sachen, der Chor eines einzelnen unendlich variablen Gesangs. Monoton, verglichen mit einem Maestro im nicht alltäglichen Umgang mit alltäglichen Gegenständen, wie Bert einer war.“ Zum anderen trifft ein Golfball bei einem Spaziergang nicht nur seinen Kopf, sondern vor allem sein Hörvermögen.

Was macht ein Geräuschemacher, der kaum mehr etwas hört? Lambert schnappt sich sein liebstes Aufnahmegerät, die im Keller eingemottete legendäre DX-8-80T, packt sie auf eine Schubkarre und macht sich durch die Stadt auf den Weg in seine Vergangenheit. Sein Kompagnon, der Toningenieur Sandip („Sindy“) hatte ihn schon in seiner aktiven Zeit davor bewahrt, komplett in seinem eigenen Geräusch-Universum verloren zu gehen (und zu versuchen, Geräusche auszutüfteln für Dinge, die für den normalen Verstand und das normale Gehör absolut unhörbar sind). Der soll ihm nun dabei helfen, wieder aus der absoluten Stille herauszufinden. Doch das einstige Tonstudio ist so verwaist und verwahrlost wie die ganze Stadt, an der sogar der vollständige Name weggebröckelt ist und die nun nur noch Z heißt.

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Die beschwerliche Scheibtruhen-Fahrt durch die Geräuschlosigkeit wird zur Konfrontation nicht nur mit dem eigenen Werdegang, sondern auch zur unverhohlenen Zivilisationskritik. Verfallserscheinungen überall. Und Nebengeräusche, die man sich als Leser selbst zum schlüssigen Hörspiel zusammensetzen muss. Sandip, so erfährt man, war als jugendlicher Migrant bei den Lamberts Eltern eingezogen und war von ihnen als Ziehsohn angenommen worden, als Ersatz für den in seine eigene Welt zurückgezogenen Sohn. Doch seit dem gemeinsamen Rückzug aus dem Berufsleben ist er verschwunden. Lambert lädt seine DX bei Manfred in dessen Fachgeschäft „For Yours Ears Only“ ab, wo er sie einst erstand und wo sie nun allerdings rasch auf einer Ramschhalde für Akustik-Freaks landet. Und vielleicht von Sandy aufgestöbert wird, der dort offenbar regelmäßig vorbeischaut.

Hanno Millesi wurde 1966 in Wien geboren. Er studierte an der Universität Wien und der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und war u. a. Assistent von Hermann Nitsch, Mitarbeiter in der Galerie Krinzinger und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum moderner Kunst in Wien. Zu seinen Veröffentlichungen zählen der Erzählband „Das innere und das äußere Sonnensystem“ (2010), der Roman „Granturismo“ (2012), die Novelle „Venusatmosphäre“ (2014) und der Roman „Der Schmetterlingstrieb“ (2016). Sein Roman „Die vier Weltteile“ war für den Österreichischen Buchpreis 2018 nominiert.

2017 wurde Millesi mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet. Er sei ein „Meister darin, mit einer sorgfältig gebauten, Eigenarten und Obsessionen sehr genau zelebrierenden Sprache ausweglos erscheinende, groteske Lebenssituationen plastisch und vor allem mit viel Witz und Ironie zu schildern und bis in die absurdesten Konsequenzen auszuleuchten“, begründete die Jury damals ihre Wahl. „Er unterhält mit einem hochartifiziellen Sinn für absonderliche, unsere Gegenwart ungewohnt treffend charakterisierende Figuren und Geschichten.“ Treffender lässt sich auch kaum sein neues Buch charakterisieren. Die Jury scheint „Der Charme der langen Wege“ bereits gekannt zu haben...

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