Händel-Oratorium in Salzburg als Castingshow gefeiert

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Schon zu Pfingsten feierte Robert Carsens geniale Übersetzung von Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ in die Gegenwart großen Erfolg im Haus für Mozart. Zu den Sommerfestspielen gab es nun mit Regula Mühlemann einen Neuzugang im vierköpfigen Solistenensemble, der sich am Mittwochabend als überaus treffend erwies.

Mehr Schein als sein, das ist nicht nur die Message von Carsens Inszenierung, welche die allegorischen Figuren Piacere (Vergnügen), Tempo (Zeit) und Disinganno (Einsicht) zu Castingshowjuroren macht, die allesamt um die Gunst der Siegerin Bellezza (Schönheit) buhlen. Händel musste aufgrund eines päpstlichen Opernverbots auf die geistliche Form des Oratoriums ausweichen, komponierte aber bereits alle opernhaften Anlagen mit ein, die bei entsprechender Umsetzung zum Tragen kommen. Und Carsen macht aus dem zeitlosen Konflikt um Spaß oder Einsicht eine zeitgenössische Oper, die mit allen Mitteln der aktuellen TV-Landschaft angereichert ist.

Ein ironischer Zufall ist, wenn auch nicht beabsichtigt, dass Bellezza, die Siegerin der Castingshow, welche zu Pfingsten von Melissa Petit gesungen wurde, bereits zum Sommer ersetzt wurde. Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann siegt jetzt showtränenreich in Cecilia Bartolis „Worlds next Topmodel“. Ihr glasklarer und jugendlicher Sopran passt ausgezeichnet zu ihrer Verkörperung der jungen Siegerin, die voller Naivität ins bissige Showgeschäft geschmissen und von Cecilia Bartoli als diabolischer Agentin mit Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll immer weiter auf die dunkle Seite gezogen wird.

Ausgestattet mit einer großen Auswahl feuerroter Anzüge (Bühne und Kostüm: Gideon Davey) gibt sich die Piacere als abgebrühte und hinterlistige Showinstitution, die mit allen Wassern gewaschen und um keinen Trick verlegen ist, um das neue Gesicht für ihre Zwecke auszuschlachten. Deutlich sichtbar zeigt die Intendantin der Pfingstfestspiele, die sich dieses Jahr nicht mit der Hauptrolle besetzt hat, dass die Bösewichte einfach am meisten Spaß machen. Und auch stimmlich ist Bartoli mit ihrem immer dunkler werdenden Mezzo definitiv besser als erfahrenes Branchenmitglied aufgehoben.

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Nach gut zwei Stunden und der eher unglamourösen Erkenntnis, dass ein Leben voller Vergnügungen nicht zur Erfüllung führt, schließt Carsen seine Händel-Inszenierung bildgewaltig ab. Weg ist all das Glitzern, die Bildschirme, die feschen Kostüme. Über den kulissenlosen Bühnenraum schreitet die zur Erkenntnis gekommene Bellezza Richtung der großen, schweren Bühnenpforten und verschwindet ganz leise in die Salzburger Nacht in den Toscaninihof. Dann wird es laut und das Publikum feiert, klatscht und stampft für Ensemble und Orchester. Der Wiederholungserfolg der Pfingstfestspiele ist gelungen.

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