Bergmann als Jedermann: „Das Bergwerk zu Falun“ in Salzburg

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Alles hohl. Greifbare Gewissheiten gibt es auf Dauer nicht. Die grauen Hohlziegel, mit der die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner Hugo von Hofmannsthals Rarität „Das Bergwerk zu Falun“ auf der Bühne des Salzburger Landestheaters eher zum Ziegelwerk macht, symbolisieren Brüchigkeit und Vergänglichkeit der Welt. Unablässig werden Mauern errichtet, ein Handstreich kann alles wieder zunichtemachen. Auch die Produktion, die am Samstag Premiere hatte, ist wohl nicht für die Ewigkeit.

Schauspielchefin Bettina Hering wollte zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele dem „Jedermann“ ein weiteres Stück von Hofmannsthal beigeben. Im Verein mit Regisseur Jossi Wieler, dem Spezialisten für sperrige, poetische Texte, entschied man sich für das 1899 geschriebene, erst 1949 erstmals aufgeführte Stück „Das Bergwerk zu Falun“, in dem der junge Dichter auf E.T.A. Hoffmann zurückgriff. Dieser wiederum hatte seinerseits einen Fall aus dem 18. Jahrhundert aufgegriffen, in dem ein schwedischer Bergmann Jahrzehnte nach dem plötzlichen Verschwinden kurz vor seiner Hochzeit in einem Stollen gefunden wurde - seit langem tot, aber äußerlich wie konserviert.

Das fünfaktige Drama mit mythisch-märchenhaften Zügen erinnert zunächst stark an Ibsens „Peer Gynt“: Ein junger Mann bricht in die Welt auf und schlägt sich auf seiner Sinnsuche mit familiären und gesellschaftlichen Bindungen, aber auch mit Geisterwesen herum. Hofmannsthals Peer heißt Elis Fröbom und begegnet keinem Troll, sondern einer Art Zwerg, dem als Untoten seit Jahrhunderten irrlichternden ehemaligen Bergknappen Torbern (André Jung), und keinem Trollkönig, sondern einer Bergkönigin (Sylvana Krappatsch), die hofft, in Elis einen neuen Diener gefunden zu haben.

Dass der Seemann, der bei seiner Rückkehr nach drei Jahren Seefahrt allen Boden unter den Füßen verliert und nun als Bergmann in die Tiefe geschickt wird, so stark an den Jedermann erinnert, ist nicht nur Hauptdarsteller Marcel Kohler geschuldet, der jederzeit als Lars Eidingers Doppelgänger antreten könnte, sondern auch motivisch begründet: Hier wie dort steht das Ringen zwischen Tod und Leben im Mittelpunkt, hier wie dort wird eine junge Frau dabei zerrieben. In „Das Bergwerk zu Falun“ ist es die junge Anna (Lea Ruckpaul), die Tochter eines armen Bergwerkbesitzers (Edmund Telgenkämper), in dessen Dienste Elis tritt. Nur die blinde Großmutter (Hildegard Schmahl) sieht die bedrohliche Verbindung in die Unterwelt und wirft immer wieder Ziegel nach dem für die anderen unsichtbaren Torbern.

Wie spielt man das? Vielleicht am besten gar nicht. Wieler schafft es in 100 pausenlosen Minuten jedenfalls nie, den grauen Ziegelstaub, der schwer über dem Stück liegt, abzuschütteln und dem szenischen Treiben eine Leichtigkeit zu verleihen. Die viel Konzentration erfordernde Sprache wird konterkariert von einer Art Bauklotzspiel für Erwachsene, in dem obendrein auch noch ein Raimund‘sches Feentreiben unpeinlich unterzubringen wäre. Das gelingt nicht - was doppelt schade ist: Einerseits sind die vielfältigen Bezüge, die Elfriede Jelinek in einem Prorammheft-Essay herausarbeitet, szenisch kaum beglaubigt, andererseits gelingt es Lea Ruckpaul und Marcel Kohler ansatzweise, die Tragik einer zart keimenden, doch aufgrund gänzlich verschiedener Voraussetzungen scheiternden Beziehung darzustellen. Hier wird zwischen vielen tauben Gestein etwas zutage gefördert, aus dem kräftigeres Bühnenleben entstehen hätte können.

So gab es am Ende bloß höflichen Applaus für alle. Und die Gewissheit, dass dieses Bergwerk wohl bald wieder stillgelegt werden dürfte. Vorstellungen gibt es jedenfalls noch bis 21. August.

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