Taliban erobern afghanische Provinzhauptstadt Kunduz

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Die nordafghanische Stadt Kunduz ist nach heftigen Gefechten an die militant-islamistischen Taliban gefallen. Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt erobert, bestätigten drei Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Kunduz wurde seit Wochen von den Taliban belagert. Seit 2015 fiel sie bereits drei Mal in die Hände der Islamisten. Damit brachten die Taliban innerhalb von drei Tagen vier Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle.

In den vergangenen zwei Tagen intensivierten die Islamisten in Kunduz ihre Angriffe, teilten die Provinzräte mit. Abgesehen von einer Militärbasis rund drei Kilometer vom Stadtzentrum und dem Flughafen kontrollierten die Taliban nun die ganze Stadt. Dorthin seien Regierungsvertreter geflüchtet. Die Menschen in der Stadt hätten weder Wasser noch Essen. Sie hielten sich in ihren Häusern versteckt. Die Provinzhauptstadt hat etwa 370.000 Einwohner.

Ein Sprecher der afghanischen Sicherheitskräfte teilte laut Nachrichtenagentur Reuters mit, in Kunduz seien extrem schwere Kämpfe im Gange. Die Soldaten bemühten sich, die Stadt zu verteidigen. Laut Verteidigungsministerium sind Spezialkräfte im Einsatz, um von den Taliban erkämpfte Pressebüros zurückzuerobern. Die Stadt gilt als strategisch wichtig, weil sie am Zugang zu den an Rohstoffen reichen Provinzen im Norden des Landes und in Zentralasien liegt.

Zuvor war bereits Sar-i Pul in der gleichnamigen Provinz an die Islamisten gefallen, bestätigten die Provinzräte Asadullah Khuram und Mohammad Noor Rahmani am Sonntag der dpa. Den Behördenvertretern zufolge haben die Taliban in Sar-i Pul nun die wichtigsten Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle. Alle Vertreter der Regierung hätten sich in eine Militärbasis rund einen Kilometer vom Zentrum der Stadt zurückgezogen, die belagert sei. Die Taliban würden Mörsergranaten auf die Basis feuern.

Die Stadt Sar-i Pul hat geschätzt 180.000 Einwohner. Die Provinz, in der Ölvorkommen gefördert werden, grenzt unter anderem im Osten an die Provinzen Balkh mit der Hauptstadt Mazar-i-Sharif und im Norden an die Provinz Jowzjan. Die Regierung halte in der Provinz nur noch den Bezirk Balkhab, sagten die Provinzräte weiter.

Am Freitag war die kleine Provinzhauptstadt Zaranj in Nimroz an der iranischen Grenze praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Samstag folgte die Stadt Sheberghan in Jowzjan im Norden, Machtsitz des umstrittenen ehemaligen Kriegsfürsten und Ex-Vizepräsidenten Abdul Rashid Dostum, eine führende Anti-Taliban-Figur.

Seit dem Beginn des Abzugs der US- und NATO-Truppen Anfang Mai haben die Taliban in mehreren Offensiven massive Gebietsgewinne verzeichnet. Sie eroberten zudem mehrere Grenzübergänge. Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist US-Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.


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