Mit dem Roman „Sommer“ endet Ali Smiths Jahreszeiten-Zyklus

  • Artikel
  • Diskussion

Nichts ist, wie es scheint. Auch der Sommer nicht. Der bezeichnet nämlich, entnimmt man Ali Smiths „Sommer“, im Englischen den wichtigsten tragenden Balken in der Trägerkonstruktion eines Hauses. Das erfährt man aus einem kurzen, sich in einer Landkirche zufällig ergebenden Gespräch zwischen einer jungen Schauspielerin und einem Restaurator. Es ist eigentlich eine belanglose Plauderei - und verändert doch alles. Willkommen in der Welt der schottischen Autorin Ali Smith.

Dieses Willkommen ist gleichzeitig auch ein Abschied. Denn mit dem Roman „Sommer“, dessen deutsche Übersetzung eben ausgeliefert wurde, ist Ali Smiths Jahreszeitenzyklus an sein Ende gekommen. Das wird von vielen Literaturfans in der ganzen Welt bedauert. Denn ihre Tetralogie hat sie länger als bloß ein Jahr begleitet und seit 2016 auf ganz spezielle Weise kleine Positionslichter in die düsteren, dichten Nebel der Gegenwart gesetzt und dabei auch schlaglichtartig in die Vergangenheit hineingeleuchtet.

Die Bücher der in England lebenden und vielfach ausgezeichneten Autorin arbeiten mit Andeutungen und Auslassungen, mit nahtlosen Zeitsprüngen, eingeflochtenen Literaturzitaten - und im Fall von „Sommer“ auch mit vielfachen Verweisen auf die vorangegangenen Romane. Smith lehnt klassische Konstruktionen mit deklarierten Hauptfiguren und straight nacherzählbaren Plots ab und macht doch jederzeit klar, dass es ihr um die Gegenwart geht. Um das Drama, wie alles so wurde, wie es ist, und keiner hat‘s rechtzeitig bemerkt. Ali Smith ist eine zornige Autorin. Das hindert sie nicht, bisweilen auf scheinbar heiteres, poetisches Äußeres zu setzen. Dass man nie recht weiß, woran man bei ihr ist, genau das ist ihre Stärke.

„Sommer“ ist da nicht anders. So begegnet man etwa der kleinen Familie Greenlaw in Brighton, in der die ewig zerstrittenen Geschwister Sacha und Robert kleine Genies zu sein scheinen - so oberschlau reden sie. Aus der Schule haben sie das nicht, denn dorthin gehen sie gar nicht gerne. Dort werden der politisch aktive Teenager und ihr zynischer kleiner Bruder gemobbt. Zuhause ist es allerdings auch nicht viel einfacher. Die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater wohnt im Nachbarhaus mit seiner jüngeren Freundin. Und der 13-jährige Robert, der gerne Folterspiele am PC spielt und sich über Albert Einstein und seinen Versuch, das Universum zu enträtseln, tiefe Gedanken macht, fixiert mit Superkleber eine Sanduhr in der Hand seiner um drei Jahre älteren Schwester, um ihr Zeit zu schenken. Ist das fies oder bloß gedankenlos? Schwer zu sagen. Schmerzhaft ist es jedenfalls.

"Ice Road": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Das Paar, das die blutende Sacha am Strand aufliest und ins Krankenhaus bringt, ist auch nicht gerade konventionell. Charlotte und Art sind zusammen und doch wieder nicht, und haben mehrere Missionen. Sie kümmern sich etwa um einen in einem Anhaltelager der Regierung gestrandeten Flüchtling und um einen alten Mann, der im Zweiten Weltkrieg auf der Isle of Man von den Briten als „Feindstaatenausländer“ interniert war (dieser, Daniel Gluck, kam bereits im allerersten Buch vor). Ganz natürlich wechseln die Zeitebenen und werden die Parallelen des damals wie heute von einem demokratischen Staat begangenen Unrechts sichtbar. In diesen Parallelführungen ist Ali Smith wirklich eine Meisterin.

Und wenn die heutige Regierung nach Ausbruch der Corona-Pandemie die Flüchtlingslager plötzlich öffnet, weil deren Lüftungssysteme eine Verbreitung des Virus beschleunigen würden (die bittere Kritik gegen diese von privaten Sicherheitsfirmen betriebenen Camps bildete einen Schwerpunkt im letzten Band), dann sind wir mitten in der Gegenwart. Dann bekommen wir einige Breitseiten gegen Boris Johnson zu lesen, spüren noch die ohnmächtige Wut der Autorin über den Brexit und bekommen eine Ahnung darüber, wie unübersichtlich die Zeiten geworden sind - auf der britischen Insel, aber nicht nur dort.

Resignation und Hoffnung liegen bei Ali Smith stets nahe beieinander, manchmal wohnen sie sogar unter demselben Dach. Während eine agile alte Frau, Veteranin der politischen Kämpfe der 70er, bereits Soforthilfe für die nun völlig hilf- und mittellos auf der Straße stehenden Flüchtlinge organisiert, schließt sich ihre junge Betreuerin in ihr Zimmer ein: In der Pandemie ist der private Rückzug legitim geworden, ja sogar ein Gemeinschaftsdienst. Verrückte Welt. Man sollte sich von ihr nicht verrückt machen lassen. Denn die menschliche Widerstandskraft ist größer als angenommen. In mehreren Einsprengseln erfahren wir von der Regisseurin Lorenza Mazzetti, einer Adoptivnichte Albert Einsteins. Dass sie als Kind die Ermordung ihrer Familie durch die SS mitansehen muss, traumatisiert sie nachhaltig. Und doch stirbt sie erst 2020 im 93. Lebensjahr, als Veteranin des von ihr mitbegründeten britischen Free Cinema. Es ist eine wahre Geschichte, die Smith hier einarbeitet.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es. In „Sommer“ erfährt man manches Erstaunliche über eine andere Vogelart, den Mauersegler. Sein Abflug kündigt das Ende des Sommers an. Ein schier endloser, gefährlicher Flug in den Süden steht den Vögeln bevor. Doch nie sollte man die Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgeben.

(S E R V I C E - Ali Smith: „Sommer“, Aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand Literaturverlag, 384 Seiten, 22,70 Euro)


Kommentieren


Schlagworte