„Through Touches“: Saskia Hölbling berührt bei ImPulsTanz

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Wer im vergangenen Jahr das Bedürfnis hatte, jemanden zu trösten - einen Arbeitskollegen oder eine Freundin - stieß auf ein Hindernis: Corona. Den pandemiebedingten Mangel an Berührung als Hürde in der zwischenmenschlichen Kommunikation nimmt nun Saskia Hölbling im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals unter die Lupe. In ihrem Stück „Through Touches“ (Durch Berührungen) exerziert sie im WUK in knapp einer Stunde die unterschiedlichen Intensitäten körperlicher Begegnung durch.

Egal ob ein flüchtiges Streichen über die Wange oder ein Kuss in die Achselhöhle: Berührungen waren seit März 2020 tabu. Dabei war es unerheblich, ob es sich um Freunde, Bekannte oder One-Night-Stands handelte. Der Körper wurde zur potenziellen Gefahr. Diesen Umstand greift Hölbling mit ihrer Compagnie Dans.Kias nun auf. Auf einer weißen Tanzfläche sitzen die Choreografin selbst, Ardan Hussain und Leonie Wahl einander gegenüber, der Zwei-Meter-Abstand ist mehr als gewahrt. Doch dann beginnen sie, sich einander zu nähern. Vom Tonband kommt ein (englischer) Text, der sich den Ausdrucksformen unterschiedlicher Körperteile - von den Fingerspitzen bis zum großen Zeh - widmet. Egal ob im Solo, im Duett oder schließlich zu dritt: Drei Körper, die Berührungen sichtlich nicht mehr gewohnt sind, nähern sich langsam einander an.

Es geht um Gesten, Körper und Raum. Ist es anfangs noch ein zögerliches Streichen über Wange, Kinn oder Schulter, werden die Berührungen immer intensiver - bis sich die unterschiedlichen Körperteile gegenseitig in den Verrenkungen des Tanzes stützen. Hölbling vermag es, in ihrer Choreografie eine Geschichte des Abstandhaltens - und dessen Überwindung - zu erzählen. Diese geschieht langsam: Mal ist es ein Nasenstupser in die Achselhöhle des Gegenübers, dann wieder ein flüchtiger Kuss auf den Bauch. Die Körper (der Compagnie), die einander so gut kannten, müssen neue Wege finden, sich einander anzunähern.

Nach knapp einer Stunde wird die Stimme durch Musik ersetzt: Der Song „Des Armes“ (2001) der französischen Band Noir Desir erklingt in einer Live-Aufnahme: die Körper als Waffen. Ein doppeldeutiges Bild am Ende dieses Abends: Im Jahr 2003 erschlug Noir Desir-Sänger Bertrand Cantat seine Geliebte, die Schauspielerin Marie Trintignant, im Rahmen eine handgreiflichen Streits.

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