Coes Roman „Mr. Wilder und ich“: Erinnerung an Billy Wilder

  • Artikel
  • Diskussion

So viel Fachliteratur hat er zurate gezogen, so viele Biografien gelesen, so viele Interviews geführt und Recherchen unternommen. Und dann wird das daraus Entstandene kein leichtfüßiger, charmanter Rückblick auf eine der größten Regielegenden, sondern bloß ein netter Versuch, dem man seine angestrengten Bemühungen anmerkt. Jonathan Coe hat mit seinem Buch „Mr. Wilder und ich“ ein Schicksal erlitten, das man in der Filmbranche nur allzu gut kennt.

Zugegeben: Es ist schön, dem 2002 verstorbenen Billy Wilder, Schöpfer von Meisterwerken wie „Manche mögen‘s heiß“, „Boulevard der Dämmerung“ oder „Das Appartement“ in diesem Roman rund um seinen vorletzten Film „Fedora“ (1978) zu begegnen, und stellenweise gerät Coe der schrullige Altösterreicher, der in Hollywood unsterblich wurde, auch recht lebendig. Doch Anekdoten, Zitate (die Belege dafür füllen im Anhang mehrere Seiten) und die Vermittlung von filmhistorischem Basiswissen sind zu schwerer Ballast, als dass dieser literarische Biopic abheben und mit einem schwerelos in die Vergangenheit entschweben könnte. Screwball ist anders.

Dabei hatte der 1961 in Birmingham geborene Autor mit seinem Brexit-Roman „Middle England“ gezeigt, wie es geht. Sein Gesellschaftsroman über die Zerrissenheit des Vereinigten Königreichs war klug und kritisch, witzig und selbstironisch zugleich. Alles, was zu Recht auch den besten Filmen Wilders nachgesagt wird. In „Mr. Wilder und ich“ gelingt es Coe jedoch nicht, seinem Protagonisten nachzueifern. Dass es dem alternden Regisseur, der Mitte der 1970er mit seinem Drehbuchautor und Compagnon Iz Diamond ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, an einstige Erfolge anzuschließen, ganz ähnlich ergeht, ist allerdings eine hübsche Pointe.

Coe bedient sich einer jungen Griechin, um seinem Publikum die ebenso abgehobene wie liebenswerte Welt Wilders näherzubringen: Calista Frangopoulou trampt im Sommer 1976 mit einer Freundin durch die USA, als sie diese in L.A. zu einem Abendessen mit einem Bekannten ihres Vaters begleiten muss. Wilder und Diamond, so stellt sich heraus, wollen in dem noblen Lokal (für das die Girls natürlich total underdressed sind) herausfinden, welche Filme der Jugend, zu der sie den Anschluss verloren haben, gefallen. Vor allem jedoch wird ihnen bald eines klar: Die beiden Mädchen haben nicht den blassesten Schimmer, mit wem sie hier an einem Tisch sitzen...

"Ice Road": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Für Calista wird es dennoch ein unvergesslicher Abend, der Folgen hat: Als Billy ein Jahr später zu Außenaufnahmen für „Fedora“ auf eine griechische Insel fliegt, engagiert er das Mädchen als Dolmetscherin. Und plötzlich ist sie Teil einer Filmcrew, hat mit William Holden und Henry Fonda zu tun, erlebt die Rivalität zwischen Marthe Keller und Hildegard Knef am Set mit, lernt die ungehobelten Tischmanieren von Al Pacino kennen und sitzt beim Dinner in München, wohin die Produktion weiterzieht, neben dem aus Ungarn stammenden, mehrfach oscargekrönten Filmkomponisten Miklós Rózsa („Ben Hur“). Letzteres hat der liebenswürdige Iz, der Calista mittlerweile als Privatsekretärin engagiert hat, eingefädelt, denn die junge Frau möchte auch Komponistin werden - und wie wir aus der in der Gegenwart spielenden Rahmenhandlung wissen, hat sie das später auch geschafft.

Dass Calista in der Gegenwart selbst feststellen muss, in der Welt des monotonen Krachs und der gesampelten Geräuschkulissen als Filmkomponistin ein Auslaufmodell zu sein, ist eine weitere Pointe des geschickt konstruierten Buches. Ein anderer Trick ist, dass die zentrale Szene als Drehbuch aufgebaut ist. Als ein junger Deutscher in München anfängt, die Naziverbrechen zu relativieren, erzählt Billy Wilder der gebannt zuhörenden Tischgesellschaft seine eigene Fluchtgeschichte und seine Heimkehr als US-Kulturoffizier. Er hatte Unmengen an Filmmaterial aus den befreiten KZs zu sichten, um eine Doku zusammenzuschneiden, die der deutschen Bevölkerung gezeigt werden sollte. In allen Leichenbergen hielt er Ausschau nach seiner eigenen Mutter, von der er seit seiner Emigration nie wieder etwas gehört hatte. Die Szene endet mit einer einfachen Frage, die der Regisseur an den Deutschen richtet: „Wenn die Konzentrationslager und die Gaskammern nur Einbildung waren, wo ist dann meine Mutter?“ Unweigerlich stellt man sich daraufhin selbst eine Frage: Würde sich „Mr. Wilder und ich“ womöglich als Film besser machen denn als Roman?

(S E R V I C E - Jonathan Coe: „Mr. Wilder und ich“, Übersetzt von Cathrine Hornung, Folio Verlag, 280 Seiten, 22 Euro; Lesungen: 13. September, 19 Uhr. Literaturhaus Graz; 14. September, 19 Uhr, Wien, Bruno Kreisky Forum)


Kommentieren


Schlagworte