EU-Botschafter: Abschiebungen nach Afghanistan aussetzen

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Die EU-Botschafter in Afghanistan empfehlen, Abschiebungen in das Krisenland vorerst auszusetzen. Angesichts des sich verschärfenden Konflikts, der prekären Sicherheits- und Menschenrechtslage sowie des Mangels an sicheren Räumen im Land werde empfohlen, eine vorübergehende Aussetzung von Zwangsrückführungen aus EU-Mitgliedstaaten nach Afghanistan zu erwägen, heißt es in einem am Dienstag an die Mitgliedsstaaten versendeten Bericht der EU-Missionschefs in Kabul.

Abschiebungen nach Afghanistan sind wegen der sich massiv verschlechternden Sicherheitslage umstritten. Zuletzt hatte das afghanische Flüchtlingsministerium EU- und andere europäische Länder dazu aufgerufen, ab Juli für drei Monate die Abschiebungen einzustellen. Die militant-islamistischen Taliban kontrollieren mittlerweile knapp mehr als die Hälfte der Bezirke des Landes.

Es ist ungewöhnlich, dass eine derartige Empfehlung ausgedrückt wird. Migrationsfragen sind eigentlich Kompetenz der Mitgliedsstaaten. Die Missionschefs vor Ort können bestimmte Themen analysieren und hinterfragen, aber nicht in Hauptstadtentscheidungen eingreifen. In Kabul betreiben noch acht EU-Länder Botschaften, u.a. Deutschland, die Niederlande, Tschechien und Italien, aber nicht. Österreich. Alle Missionschefs haben den Bericht unterzeichnet.

Österreich war nicht eingebunden. Aus dem österreichischen Außenministerium hieß es auf APA-Anfrage: „Der Bericht zur Sitzung der EU-Missionschefs in Kabul und die darin enthaltenen Empfehlungen wurden mit der für Afghanistan zuständigen Österreichischen Botschaft in Islamabad nicht koordiniert.“

Die EU-Kommission bestätigte am Dienstag zudem, dass sie einen Brief von Österreich und fünf anderen Mitgliedstaaten erhalten hat, die sich gegen die Aussetzung von Abschiebungen aussprechen. In dem Brief fordern die Innenminister der sechs Staaten die Kommission dazu auf, im Dialog mit Afghanistan Rücksendungen weiter voranzubringen. Eine Aussetzung der Rücksendungen würde mehr Afghanische Bürger dazu motivieren, in die EU zu migrieren.

In Österreich hat sich zuletzt die Debatte rund um einen möglichen Abschiebestopp verschärft. Zuletzt war ein geplanter Abschiebeflug Anfang August abgesagt worden. Die Bundesregierung hält aber an den Abschiebungen fest.

Unterdessen fordern die USA und die NATO die Taliban zu einem Ende ihrer Angriffe in Afghanistan auf. Der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad ist nach Katar gereist, um dort mit Vertretern von Ländern in der Region sowie mit multilateralen Organisationen auf eine Verringerung der Gewalt und einen Waffenstillstand hinzuarbeiten. hatte maßgeblich die Modalitäten des Abzugs der US-Truppen mit den Taliban ausverhandelt. hatte maßgeblich die Modalitäten des Abzugs der US-Truppen mit den Taliban ausverhandelt.

Berichte aus den Regionen legten nahe, dass Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, teilte UNO-Menschenrechtshochkommissarin Bachelet am Dienstag in Genf mit. Aus Gebieten, die die Taliban eingenommen hätten, würden Massenhinrichtungen gemeldet sowie Angriffe auf Regierungsvertreter und ihre Familien, erklärte die Menschenrechtskommissarin. Schulen, Kliniken und Wohnhäuser würden zerstört und Anti-Personenminen ausgelegt. Frauen dürften nach diesen Berichten ihre Häuser nicht mehr verlassen.

In einigen Fällen sollen Frauen in der Öffentlichkeit geschlagen worden sein, wenn sie gegen die neuen Regeln verstießen. Eine Frauenrechtlerin sei erschossen worden. „Die Menschen befürchten zurecht, dass die Machtübernahme der Taliban alle Fortschritte der letzten zwei Jahrzehnte im Menschenrechtsbereich ausradiert“, sagte Bachelet.

Die radikalislamischen Taliban haben bei ihrem Vormarsch in Afghanistan innerhalb weniger Tage die achte Provinzhauptstadt erobert. Am Dienstag fiel die 200 Kilometer nördlich von Kabul gelegene Stadt Pul-i-Kumri in der Provinz Baghlan in die Hände der Islamisten, wie ein Abgeordneter und ein Armeeoffizier mitteilten. Kurz zuvor war den Taliban die Einnahme der Stadt Farah in der gleichnamigen Provinz im Westen des Landes gelungen.

Der Abgeordnete Mamoor Ahmadsai aus Baghlan sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Taliban hätten ihre Flagge auf dem zentralen Platz in der Provinzhauptstadt Pul-i-Kumri sowie am Gouverneurssitz gehisst. Die Streitkräfte der afghanischen Armee hätten sich aus der Stadt zurückgezogen. Ähnliches berichtete Shala Abubar aus dem Provinzrat von Farah. Die Taliban bestätigten die Einnahme beider Provinzhauptstädte im Online-Dienst Twitter. Bereits in den vergangenen Tagen hatten die Islamisten sechs der 34 afghanischen Provinzhauptstädte erobert, darunter auch den langjährigen Bundeswehrstandort Kundus.

Heftig gekämpft wird derzeit auch in der Umgebung von Mazar-i-Sharif, wo die deutsche Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager hatte. Die Regierungstruppen hätten dort aber weiter die Oberhand, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kabul am Dienstag. Mazar-i-Sharif ist das wirtschaftliche Zentrum der Region im Norden Afghanistans, der als Bollwerk gegen die Taliban gilt. Eine Einnahme Mazar-i-Sharifs durch die Extremisten wäre deshalb ein harter Schlag für die Regierung in Kabul. Gefechte gibt es auch in den südlichen Provinzen Kandahar und Helmand - traditionell Hochburgen der Extremisten.

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der die Taliban weite Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle bringen, wächst international die Kritik am Abzug der NATO-Truppen aus dem Land. US-Präsident Joe Biden sagte am Dienstag dennoch, er bereue die Entscheidung für den Abzug nicht. Die Afghanen müssten „für ihre Nation kämpfen“, sagte Biden vor Journalisten. Die politischen Führer Afghanistans rief er zur Einigkeit auf.


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