Eva Menasses neues Werk „Dunkelblum“ kein „Rechnitz-Roman“

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„Dunkelblum“ heißt der neue Roman von Eva Menasse, der nächste Woche erscheint und von ihr am 26. August beim Literaturfestival O-Töne im Museumsquartier vorgestellt wird. Schauplatz ist ein fiktiver burgenländischer Ort, der in vielem an Rechnitz erinnert. Dies sei eines von mehreren Motiven gewesen, sagt die Autorin im APA-Interview, „aber ich wollte definitiv keinen Rechnitz-Roman schreiben“. Es gehe auch um Grenzen und Geheimnisse, Vergangenheit und Erinnerungskultur.

APA: Was stand am Anfang Ihres Romans „Dunkelblum“? War es der historische Fall der noch immer nicht gefundenen Massengräber im burgenländischen Rechnitz? War es das Thema, das man aus Romanen von Hans Leberts „Die Wolfshaut“ bis Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ so gut kennt: Die zugeschüttete, verdrängte Vergangenheit meldet sich zu Wort?

Eva Menasse: Ich beginne beim Romanschreiben eher strukturell als thematisch, hier habe ich vielleicht als erstes eine Gemeinschaft vor mir gesehen, in der es Geheimnisse gibt, und verschiedene Sichten auf dieselbe Szene. Dieses perspektivische Prinzip habe ich ja schon in früheren Büchern verwendet. Ich habe anfangs zwei Geschichten parallel recherchiert. Die eine war ein Fall aus Sachsen, wo vor ein paar Jahren ein Kind im Schwimmbad ertrunken ist und Leute behauptet haben, dass es Neonazis untergetaucht haben. Menschen sind deswegen verhaftet worden, nach einem wochenlangen Medienspektakel hat sich aber alles als Nichts herausgestellt. Die zweite Geschichte war tatsächlich Rechnitz. Bei dieser Recherche habe ich aber schnell gesehen, dass es in den paar Wochen vor Kriegsende über 120 Massaker im Burgenland und im östlichen Niederösterreich gab. Das hat mich elektrisiert und war wahrscheinlich der Ausgangspunkt. Man denkt sich: Das gibt es doch nicht! 120 kleine und große Rechnitze! Die möglichst nachvollziehbare Darstellung des Unglaublichen ist, was am Ende zu diesem Buch geführt hat. Deswegen ist es auch so dick geworden.

APA: Ist es nicht erstaunlich, dass die Massengräber beim Kreuzstadel trotz verfeinerter Techniken der Archäologie noch immer nicht gefunden wurden?

Menasse: Das Verrückte ist ja, und das steht als eins von vielen historischen Fakten in „Dunkelblum“ auch drin: Die Sowjets haben das Massengrab ein paar Monate nach dem Massaker geöffnet, im Herbst 1945. Da war‘s noch da! Es ist also nicht sofort verschwunden. In den ersten Jahrzehnten ist aber gar nichts geschehen. Die Beschäftigung mit Rechnitz beginnt eigentlich erst 1994 mit dem Film „Totschweigen“ von Eduard Erne und Margareta Heinrich, der nicht nur historisch, sondern auch filmästhetisch viel leistet. Ein grandioser Film! Tragischerweise hat sich die hochbegabte Regisseurin, übrigens Burgenländerin, gleich danach umgebracht. Von welcher Seite man also auf Rechnitz schaut: es wird einem immer schwindlig. Es wirkt wie verflucht. Aber ich wollte definitiv keinen Rechnitz-Roman schreiben. „Dunkelblum“ ist, denke ich, schon eine eigenständige künstlerische Arbeit. Wenn man einen Roman schreibt, versucht man ja immer, etwas Allgemeingültiges zu produzieren. Natürlich sind das Schloss und die Gräfin sehr aufgeladene Topoi, die ich aus atmosphärischen Gründen ungern aufgeben wollte, aber das Vorbild der Gruft befindet sich etwa in Güssing, eine berühmte Pestsäule - nicht diese - steht in Deutschkreutz...

APA: Geografisch ist es eine relativ scharf umrissene Landschaft, die im Zentrum steht, nämlich die österreichische „Ostgrenze“, zeitlich ist es Sommer 1989.

Menasse: Grenzen haben mich seit meiner Journalismuszeit immer fasziniert. Diese Grenze zwischen Österreich und Ungarn hat es bis 1918 nicht gegeben. Die Kaiserstadt Wien hat sich von diesem riesigen Gebiet Deutschwestungarn ernährt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde hier mit unglaublicher Brutalität eine Grenze gezogen, die immer weitergewirkt hat - bis in meine Jugend hinein. Wir haben ja vom Neusiedlersee den Eisernen Vorhang gesehen. Dessen Fall 1989 war politisch wahrscheinlich das Bedeutendste, das in meiner Lebenszeit passiert ist. In meiner Pubertät war ich Teil der No-Future-Generation, die geglaubt hat, dass sie demnächst am Atomkrieg sterben wird. Und plötzlich ist die Welt noch einmal neu geschaffen worden. Ich war 19, und alles war gut. Das war die Stimmung, mit der ich in mein Erwachsenenleben hineingegangen bin - und die sich in den letzten 10, 15 Jahren stark verdüstert hat. Das spielt wohl alles eine Rolle, wenn man beginnt, so einen Roman zu schreiben.

APA: Es spielen auch andere Themen hinein, etwa die Auseinandersetzung mit dem Adel. Sind Sie dabei nach Konzept vorgegangen?

Menasse: Leider bin ich ganz schlecht am Reißbrett. Aber auch Doderer hat nicht so geschrieben, obwohl es von ihm diese riesigen, vielfarbigen Pläne gegeben hat. Bei mir entstehen die Bücher wirklich erst beim Schreiben. Ich fange an, und dann kommen neue Themen und Motive dazu. Dadurch dauert es bei mir auch immer so lange, bei „Dunkelblum“ waren es zweieinhalb Jahre.

APA: Immerhin ist dem Buch ein gezeichneter Dorfplan beigegeben, der ja eine von der Autorin erfundene Topografie wiedergibt.

Menasse: Mir war bald klar, dass es bei einem so dicken Buch mit so vielen Namen gut wäre, eine Art Überblick zu geben. Da hat sich die Karte angeboten. Ich habe das Schreiben mit einem Heft begleitet, in dem etwa die Figuren und ihre Geburtsjahrgänge festgehalten waren. Da sind auch Skizzen drinnen, wo Dunkelblum in etwa liegt, und später hab ich auch begonnen, ein paar Häuser aufzuzeichnen. Für die Schlussüberprüfung war es hilfreich, diesen Plan zeichnen zu lassen, denn erst da habe ich bemerkt, dass ein paar Sachen nicht stimmen können, und noch ein paar Kleinigkeiten im Text geändert.

APA: Diese Schlussüberprüfung übernimmt normalerweise das Lektorat.

Menasse: Ja, aber ich kenne das Geflecht doch selbst am besten, und außerdem traue ich niemandem! Ich bin eine Superpedantin und möchte immer ein maximal fertiges Manuskript abliefern.

APA: Dass nicht alle Geheimnisse gelöst werden, scheint aber ein bewusster Kunstgriff zu sein?

Menasse: Das war auch in früheren Büchern schon so. In „Quasikristalle“ gibt es auch so ein kleines Geheimnis, das nicht gelöst ist. Leser, die mich danach fragen, sind total erstaunt, wenn ich sage: Ich weiß es auch nicht. Ein Roman ist ja einerseits eine komplett künstliche Struktur, die gleichzeitig versucht, die Welt möglichst stimmig nachzuahmen. Im Leben ist auch nicht alles lösbar, was für den Fall Rechnitz offensichtlich in besonders hohem Maße gilt. Für mich ist „Dunkelblum“ wahrscheinlich etwas Anderes als für den Leser. Es ist mein Versuch, Vergangenheit, Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur als einen Riesen-Kladderadatsch darzustellen, aus lauter kleinen Splittern und Geheimnissen und Missverständnissen und gegenläufigen Prozessen. Wie ein Stück Filz, das man auseinanderzieht, wodurch man die einzelnen Fäden endlich wieder sehen kann. Diese Arbeit ist mein persönliches Vergnügen.

APA: Gibt es dabei eine bewusste Einordnung in eine österreichische Literaturtradition?

Menasse: Die passiert nicht bewusst, sondern ganz natürlich. Ich kann halt nur die Romane schreiben, die in mir drinnen sind, und die haben wieder mit meiner Biografie und Lesebiografie zu tun. Ich bin vermutlich unveränderlich in der österreichischen Literatur verwurzelt. Vielleicht gehört „Dunkelblum“ in die Reihe der Antiheimatromane, wobei ich solche Gedanken nicht habe, während ich schreibe. Ich komme von meinen eigenen Rätseln, und dann entsteht halt etwas, das sich wieder irgendwo einordnen lässt. Von der Form her ist „Dunkelblum“ beinahe der erste richtige Roman, den ich geschrieben habe. „Vienna“ und „Quasikristalle“ waren Splitterromane, aber dieser hat jetzt wirklich einmal eine Handlung von vorne bis hinten.

APA: Im Roman kommt auch ein typisch burgenländischer Familienname vor: Stipsits. Die Burgenlandkrimis des Kabarettisten Thomas Stipsits sind die bestverkauften Bücher Österreichs. Ist das für eine Autorin nicht etwas ernüchternd?

Menasse: Nein, denn dass sich Krimis am besten verkaufen, ist ja überall so, ob sie nun an der Côte d‘Azur spielen oder in der Bretagne. Aber man kann auch kulturoptimistisch sein: Von den Verlagen höre ich, dass in Zeiten von Corona eher solche Leser ins Internet und zu Netflix abgewandert sind als jene der sogenannten anspruchsvollen Literatur.

APA: Sie haben von einer Verdüsterung der gesellschaftlichen Stimmung in den vergangenen Jahren gesprochen. Sehen Sie angesichts dessen, was uns erwartet, ein Versagen Ihrer Generation?

Menasse: Eigentlich nicht. Kritische Zeitgenossenschaft unter Intellektuellen ist absolut vorhanden, aber sie ist natürlich genauso wenig einflussreich wie immer. Eine pessimistische Weltsicht lässt sich da nicht halten. Aber insgesamt finde ich die Lage sehr problematisch. Ich glaube, dass ein Großteil des Zustands unserer Welt durch Digitalisierungsphänomene verschuldet ist. Die Digitalisierung, die wir nicht zurücknehmen können, hat die Wahrnehmung und das Menschsein an sich verändert und zu Hysterisierungsprozessen geführt. Die digitalen Illusionen schwappen als demokratiefeindliche Rückkopplungsprozesse in die richtige, in die analoge Welt über. Trump wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Daran sieht man, wie dünn der demokratische Firnis ist. Das macht mich am nervösesten: Dass es beinahe unmöglich geworden ist, Fakten und Fiktion sauber zu trennen. Und dass Teile der Gesellschaft nicht mehr erreicht werden.

APA: Die Coronakrise hat gezeigt, dass Politik doch handlungsfähig ist. Auch dem Klimawandel könnte also durchaus politisch begegnet werden?

Menasse: Das ist die Frage. Ich finde, Österreich, Deutschland, Schweiz haben in der Pandemie einen sehr guten Mittelweg beschritten. Man sieht, was alles möglich ist, wenn man es will. Gleichzeitig sieht man auch, dass es nur dadurch möglich wurde, weil alle total in Panik verfallen sind. Bei Corona waren die Intensivstationen ja wirklich voll, die Leute sind gestorben. Beim Klimawandel wird das noch dauern. In Deutschland wird man, sobald man in den Hochwassergebieten aufgeräumt hat, geräuschlos zum Normalbetrieb übergehen. Frau Merkel, die sich nun warnend und mitfühlend gibt, hat nach Interventionen der Industrie und gegen den Willen des Koalitionspartners SPD vor über zehn Jahren dafür gesorgt, dass SUVs nicht höher besteuert wurden. Jetzt ist ganz Deutschland voll von diesen Geländewagen. Und jetzt wird die CDU, die jahrzehntelang alles getan hat, um nichts zu tun, vermutlich wieder den Kanzler stellen. Politisch ist das wahnsinnig ungerecht.

APA: Für Sie stehen die Zeichen vor der Bundestagswahl also nicht auf Veränderung, sondern auf Weitermachen?

Menasse: Ich fürchte ja, aber ich bin grundsätzlich zweckpessimistisch. Vielleicht gibt es ja eine große Überraschung. Aber dass ausgerechnet Herr Laschet, der für 30 Prozent Flächenversiegelung in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen mitverantwortlich ist, jetzt so tut, als wolle er den Klimawandel bekämpfen, ist grotesk. Er hat schon bewiesen, dass er nichts macht. Er war immer nur wirtschaftsfreundlich. Sein Credo war stets: Man darf die Leute nicht überfordern! Wenn sie dann gestorben sein werden als Folge einer Umweltkatastrophe, dann hat man sie auch überfordert, bloß auf eine andere Weise.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Eva Menasse: „Dunkelblum“, Kiepenheuer & Witsch, 524 Seiten, 25,70 Euro, ISBN 978-3-462-04790-5, erscheint am 19.8.; Lesung bei dem O-Tönen im Museumsquartier am 26.8., 20 Uhr)

(ZUR PERSON: Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, arbeitete erfolgreich als Journalistin, u.a. bei „profil“ und „FAZ“, ehe sie 2005 mit dem Familienroman „Vienna“ als Autorin debütierte. Die in Berlin lebende Halbschwester des Autors Robert Menasse veröffentlichte in der Folge den Roman „Quasikristalle“ sowie Erzählungen und wurde mehrfach ausgezeichnet. 2017 erhielt sie für ihren Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ den Österreichischen Buchpreis.)


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