Provinzhauptstadt nahe Kabul fällt an Taliban

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Mit Pul-i Alam haben die militant-islamistischen Taliban eine Provinzhauptstadt nur rund 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt Kabul erobert. Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt übernommen und den Provinzgouverneur sowie den Geheimdienstchef gefangen genommen, sagten ein Provinzrat und ein Parlamentarier der dpa am Freitag. Das österreichische Außenministerium prüft unterdessen, ob und wie viele Österreicher sich in Afghanistan aufhalten.

Pul-i Alam mit seinen geschätzt 120.000 Einwohnern ist die Hauptstadt der Provinz Logar im Osten des Landes. Aus Sicherheitskreisen heißt es seit längerem, dass in der Provinz Logar Taliban-Kämpfer für einen Angriff auf Kabul versammelt werden. Die Taliban kontrollieren fünf der sieben Bezirke, die zwei näher zur Provinz Kabul liegenden - Choschai und Mohammed Agha - sind umkämpft. Von Pul-i Alam sind es nur rund eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Kabul.

Mit Pul-i Alam haben die Taliban binnen einer Woche 16 der 34 Provinzhauptstädte eingenommen. In der Nacht auf Freitag (Ortszeit) war die zweitgrößte Stadt Kandahar im Süden des Landes an sie gefallen, am Freitag früh noch die wichtige Stadt Laschkargah in Kandahars Nachbarprovinz Helmand.

Auch Firuzkoh in der Provinz Ghor im Westen des Landes sei von den Islamisten übernommen worden, bestätigten ein Provinzrat und eine Parlamentarierin der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Die Stadt mit geschätzt 130.000 Einwohnern sei ohne jeglichen Widerstand von den Islamisten übernommen worden, sagte der Provinzrat Fazal-ul Haq Ehsan. Die Sicherheitskräfte und mehrere Regierungsvertreter hätten sich in eine Militärbasis in der Stadt zurückgezogen.

Herat, die drittgrößte Stadt Afghanistans, ist unterdessen nach Angaben eines Regierungsbeamten nun größtenteils in der Hand der Taliban. Die Regierungstruppen würden in der Stadt mit ihren 600.000 Einwohnern an der Grenze zum Iran nur noch den Flughafen und ein Armeelager kontrollieren, sagt ein Regierungs-Beamter. „Familien haben die Stadt entweder verlassen oder verstecken sich in ihren Häusern.“

Die Taliban brachten einem Lokalpolitiker zufolge nach der Einnahme der Stadt Herat einen wichtigen Milizen-Kommandeur in ihre Gewalt. Mohammed Ismail Khan sei zusammen mit dem Provinzgouverneur und Sicherheitsbeamten den Taliban übergeben worden, sagt Provinzratsmitglied Ghulam Habib Haschimi. Die Taliban hätten zugesagt, den Beamten keinen Schaden zuzufügen.

Kahn ist einer der prominentesten Milizenführer Afghanistans. Er hatte zuletzt Kämpfer gegen die Taliban angeführt. In den 1980er Jahren kämpfte er gegen die sowjetischen Besatzungstruppen im Land und war ein wichtiges Mitglied der Nordallianz, die mit Unterstützung der USA die Taliban 2001 gestürzt hatten.

Der Iran zeigte sich unterdessen extrem besorgt um die Sicherheit seiner Diplomaten in Herat. „Wir sind im ständigen Kontakt mit unserem Konsulat in Herat und sind extrem besorgt um Sicherheit und Gesundheit unserer Diplomaten dort“, twitterte Außenamtssprecher Said Chatibsadeh am Freitag. Er rief die Taliban auf, die internationalen Regeln zu diplomatischen Einrichtungen zu achten und einzuhalten.

Angesichts der verschärften Sicherheitslage in Afghanistan prüft das österreichischen Außenministerium unterdessen den Aufenthalt von Österreichern in dem Krisenstaat. Derzeit sei eine „sehr niedrige Zahl im zweistelligen Bereich“ an österreichischen Staatsbürgern in Afghanistan registriert, sagte eine Ministeriumssprecherin am Freitag der APA. Man überprüfe gerade, wer überhaupt noch in dem Land sei. Bisher habe sich aber noch „keine Person an uns gewandt“.

Das deutsche Außenministerium äußerte sich beunruhigt über die Entwicklungen in Afghanistan. „Die schnelle Verschlechterung der Sicherheitslage ist sehr besorgniserregend“, sagt ein Ministeriumssprecher in Berlin. Mit Blick auf die deutsche Botschaft in Kabul sagt er, die Sicherheit der Beschäftigten habe absoluten Vorrang. Die Botschaft sei dabei, denkbare Szenarien vorzubereiten. Zudem tage ein Krisenstab. Zur Zahl der Mitarbeiter in Afghanistan wollte er nichts sagen.

Nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministers Ben Wallace steht Afghanistan vor einem Bürgerkrieg. Der Westen müsse verstehen, dass die Taliban keine Einheit seien, sondern ein Sammelbecken für zahlreiche, miteinander rivalisierende Interessen, sagte Wallace der BBC. „Und ich denke, wir steuern auf einen Bürgerkrieg zu.“

Wallace schloss indes nicht aus, erneut britische Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Das könne der Fall sein, wenn sich dort die Extremisten der Al-Kaida in einer Weise aufstellten, dass sie den Westen bedrohten, sagt der Verteidigungsminister dem Sender LBC. „Ich lasse mir da jede Option offen.“


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