Philosophisches Klangpuzzle bei den Salzburger Festspielen

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Neither: Keines von beiden. Morton Feldman und Samuel Beckett, zwei Opernverweigerer, haben gemeinsam eine Oper geschrieben. Mit „Neither“ für Sopran und Orchester wurde die Programmschiene „Zeit mit Feldman“ der Salzburger Festspiele in der Kollegienkirche am Freitagabend abgeschlossen. Ein Festspielhöhepunkt auf der Schattenseite, „von innerem zu äußerem Schatten“, wie es bei Beckett heißt. Ein Klangpuzzle jenseits der Erzählbarkeit, eine Oper der vielfachen Verneinung.

Vier Abende lang haben die Festspiele die Kollegienkirche Morton Feldman geweiht, jenem New Yorker Avantgardisten der 60er, 70er Jahre und 80er Jahre, der mit seiner nicht-linearen Musik der Ruhe, seinen stillen, flächigen Klanggeweben, nicht nur eine andere Art des Musikhörens verlangte, sondern auch mit dem Aufschreiben seiner Werke in eigens entwickelten grafischen Bildfolgen experimentierte. „Still Life“ war Titel des quer durch das Werk Feldmans konzipierten Festspiel-Konzertzyklus, der den Kirchenraum zur Oase des Hörens und Innehaltens inmitten des Festspieltrubels machen sollte.

Laut Überlieferung begann die Zusammenarbeit von Beckett und Feldman mit der gegenseitigen Versicherung, dass Oper im Speziellen und das Singen von Text im Allgemeinen sowohl dem Dichter wie dem Komponisten zuwider oder mindestens suspekt war. Das Ergebnis ist „Neither“, ein kurzer, in Verse gesetzter Text Becketts, der die Rolle des Librettos philosophisch herausfordert. Feldman spinnt sein Netz aus klingenden, wiederkehrenden, große Muster beschreibenden Elementen wie ein Netz um die Worte, die von Sopranstimme (beeindruckend: Sarah Aristidou) mehr als tönende Silben denn als Sätze in die Musik gestellt werden - über weite Strecken auf einem einzigen Ton.

Becketts Reflexion über das Undurchdringliche der Selbst- und Welterkenntnis, „self“ und „unself“, zwei Türen die sich sacht schließen, wenn man sich ihnen nähert und sich sacht wieder öffnen, wenn man ihnen den Rücken zukehrt, hat in der Sängerin eine Vortragende, aber keine Erzählerin und schon gar keine Figur. Die Worte sind Teil der Partitur, die Stimme das Instrument, Sinn und Semantik treiben ihr flüchtiges Fangenspiel im Ton nicht weniger als im Wort. Ähnlich einem Beckett-Stück, ähnlich auch einem Gemälde etwa Mark Rothkos - ein weiterer künstlerischer Partner Feldmans - hat das Geschehen keine Zeitachse, ist nicht Handlung, sondern Zustand. Gedanklich, aber auch körperlich.

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In der prall gefüllten Kollegienkirche musizierte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, im ersten Teil, bei „String Quartet and Orchestra“ mit dem Minguet Quartet im für Quartett gesetzten Solistenpart. Wegen eines Todesfalls in der Familie musste Ilan Volkov die Probenarbeit in der Vorwoche abbrechen, als Dirigent wurde er äußerst kurzfristig durch Roland Kluttig, Chefdirigent der Grazer Philharmoniker und Oper, ersetzt. Ein Glücksfall bei einem so speziellen Programm - Kluttig hatte sich schon seit Beginn seiner Laufbahn, damals als Leiter des Ensembles KNM in Berlin, viel mit Feldman befasst.

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