Taliban erobern nächste Stadt - 70 Kilometer vor Kabul

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Die radikal-islamischen Taliban rücken weiter auf die afghanische Hauptstadt vor. Die Extremisten eroberten nun auch die rund 70 Kilometer entfernte Stadt Pul-e-Alam, wie ein Mitglied des örtlichen Provinzrats mitteilte. Dabei seien sie auf keinen großen Widerstand gestoßen. Pul-e-Alam könnte eine strategisch wichtige Stellung für einen Angriff auf Kabul sein. Dort sind erste US-Soldaten eingetroffen, die Evakuierungen sichern sollen.

Bis Sonntag würden weitere Truppen eintreffen, sagt ein US-Vertreter. Die US-Regierung hatte angekündigt, vorübergehend rund 3.000 Soldaten zu entsenden, um dabei zu helfen, Botschaftspersonal und andere Zivilisten auszufliegen. Großbritannien will rund 600 Soldaten nach Kabul entsenden, um Botschaftspersonal und einheimische Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. Auch weitere Länder organisieren die Ausreise ihrer Botschaftsangehörigen, u.a. Deutschland, die Niederlande und Spanien. Österreich unterhält in Kabul keine Botschaft, der Amtsbereich Afghanistan wird von Islamabad aus betreut.

Paris will afghanischen Ortskräften und anderen gefährdeten Personengruppen unkompliziert Schutz in Frankreich gewähren. Als eines von nur drei Ländern stelle Frankreich weiterhin in Kabul Visa aus, hieß es am Freitagabend aus Élyséekreisen. Man unternehme „außerordentliche Anstrengungen“, um etwa afghanischen Künstlern, Journalisten und Vorkämpfern der Menschenrechte den Zugang nach Frankreich zu erleichtern.

Der ehemalige britische Außenminister William Hague rief die USA auf, militärische Interventionen in Afghanistan auch nach ihrem Abzug nicht auszuschließen. Damit könne womöglich ein „massiver militärischer Aufwand“, der mit einer Rückkehr der NATO nach Afghanistan verbunden wäre, vermieden werden, sagte der konservative Politiker dem Times Radio am Freitagabend. Den Abzug westlicher Truppen bezeichnete er als „großen Fehler“.

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Nach der US-Ankündigung zum Abzug hatten auch die übrigen Alliierten und Partnerländer wie Deutschland und Österreich entschieden, den Einsatz zu beenden. Seitdem haben die militant-islamistischen Taliban weite Teile des Landes erobert. Am Freitag hatten die Taliban mit Kandahar und Herat die zweit- und drittgrößte Stadt des Landes unter ihre Kontrolle gebracht.

Angesichts dessen plädiert der frühere NATO-General Hans-Lothar Domröse für ein Überdenken des Vorgehens bei Militärengagements außerhalb Europas. „Unser gesamtes Konzept „train assist advise“ (ausbilden, unterstützen, beraten) werden wir überprüfen müssen und wir müssen fairerweise die Frage stellen: Funktioniert das außerhalb Europas? Scheinbar nicht“, sagte der Heeresgeneral am Samstag in NDR Info. Man müsse bei Auslandseinsätzen vorher politische Ziele klar setzen, langen Durchhaltewillen zeigen - oder eben nicht hingehen.

Der Westen habe in Afghanistan „350.000 Sicherheitskräfte ausgebildet, recht gut ausgerüstet. Da fliegen mehr Hubschrauber bei denen als bei der Bundeswehr. Also: Sie haben sie nicht eingesetzt, und warum nicht?“ Es mangle an Kampfmoral und Loyalität, sagte Domröse. Den Soldaten „fehlt das Wofür“. Das stelle die Frage, ob es überhaupt einen afghanischen Gesamtstaat gebe oder dort nur Kriegsherren und Stammesfürsten ihr eigenes Spiel spielten.

Am wichtigsten sei in Afghanistan jetzt, dass die blutigen Auseinandersetzungen sofort eingestellt werden. Bei der Frage, wer dazu beitragen könne, müsse man auch auf Länder wie China, Pakistan oder den Iran blicken. „Ich sehe, dass die Taliban auch Rat suchen in China“, sagte Domröse. „China kann vielleicht die Taliban irgendwie zügeln, mäßigen und zu einer Vernunftregierung führen.“ Die Europäer sollten versuchen, sich über die USA einzubringen. „Deutschland alleine, fürchte ich, kann da nichts machen.“

Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) forderte die Taliban unterdessen auf, „ihr rücksichtsloses Vorgehen sofort zu stoppen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren“. In einer der APA in der Nacht auf Samstag übermittelten Stellungnahme ließ Schallenberg die radikal-islamistischen Milizen wissen: „Man kann nicht die eine Hand zum Dialog ausstrecken und mit der anderen weiter die Waffe umklammern.“ Österreich unterstütze die intensiven Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, die Friedensgespräche in Doha voranzubringen.

Der deutsche EU-Staatsminister Michael Roth (SPD) erwartet unterdessen, dass sich durch die Lage in Afghanistan der Flüchtlingsdruck auf die Europäische Union und Deutschland stark erhöhen werde. „Die Zahl der Geflüchteten hat bereits dramatisch zugenommen“, sagte Roth der „Rheinischen Post“. Am Hindukusch gebe es 3,5 Millionen Binnenflüchtige. Der Druck auf die Türkei, Iran und Pakistan werde „massiv“ steigen, was Konsequenzen für Deutschland habe. „Ich bin mir sicher, dass der Migrationsdruck auf die EU und Deutschland aber auch zunehmen wird“, so Roth. Umso wichtiger sei es, dass das EU-Abkommen mit der Türkei zur Unterstützung der Geflüchteten vor Ort schnell umgesetzt werde. Im Juni habe es eine Überarbeitung des Abkommens gegeben. Auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) rechnet „mit einer größeren Flüchtlingswelle“, die nicht zuletzt wegen der Situation in Afghanistan „nicht auszuschließen“ sei, wie er im APA-Sommerinterview sagte.


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