Taliban haben ostafghanische Großstadt Jalalabad eingenommen

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In Afghanistan haben die radikal-islamischen Taliban mit Jalalabad auch die vorletzte große Stadt erobert. Die Extremisten rückten nach Angaben eines Behördenvertreters am Sonntag kampflos in die Hauptstadt der östlichen Provinz Nangarhar ein. Erst am Samstag hatten sie offenbar ebenfalls ohne großen Widerstand Mazar-i-Sharif eingenommen. Die Regierung kontrolliert nun kaum mehr als die Hauptstadt Kabul. Dort begannen die USA mit der Evakuierung ihrer Botschaft.

Die Islamisten seien um 6.00 Uhr morgens (Ortszeit) nach Jalalabad, eine wirtschaftlich wichtige Stadt mit 280.000 Einwohnern, eingedrungen, sagte ein Bewohner. Sie würden niemanden belästigen und hätten den Menschen gesagt, sie sollten nicht stehlen. Soldaten, die sie sähen, entwaffneten sie und schickten sie nach Hause, sagte der Bewohner weiter.

Zwei Provinzräte erklärten, es habe keine Kämpfe gegeben. „Kämpfen wäre sinnlos gewesen.“ In sozialen Medien geteilte Bilder zeigten rund ein Dutzend Taliban-Kämpfer im Büro des Provinzgouverneurs. Noch unbestätigten Berichten zufolge übernahmen die Islamisten auch weitere Bezirke in der Provinz Nangarhar. Es wäre damit nur eine Frage der Zeit, bis auch eine durch die Provinz verlaufende Hauptverbindung nach Pakistan über Land unter ihrer Kontrolle stünde.

Am Samstag waren die Taliban-Kämpfer praktisch ohne Gegenwehr nach Mazar-i-Scharif eingerückt, wie regionale Regierungsvertreter mitteilten. Die Sicherheitskräfte seien etwa 80 Kilometer nördlich ins benachbarte Usbekistan geflohen. Auch zwei einflussreiche Milizenführer, die die Regierung unterstützen - Atta Mohammad Noor und Abdul Rashid Dostum - sind geflohen. Noor erklärte in den sozialen Medien, dass die Taliban aufgrund einer „Verschwörung“ die Kontrolle über die Provinz Balkh und ihre Hauptstadt Mazar-i-Scharif erlangt hätten.

In Kabul trafen immer mehr Flüchtlinge ein. Krankenhäuser mühten sich um die Versorgung zahlreicher Verletzter. Vor den Toren der Botschaften standen ganze Familien. In der Innenstadt versuchten sich viele Menschen mit Vorräten einzudecken. Hunderte Menschen übernachteten zusammengekauert in Zelten oder im Freien an Straßenrändern oder auf Parkplätzen, wie ein Bewohner berichtete. „Man kann die Angst in ihren Gesichtern sehen“, sagte er. Die Taliban werteten in einer Erklärung ihr rasches Vordringen als Beleg für ihre Akzeptanz in der Bevölkerung. Niemand müsse um sein Leben fürchten, auch Ausländer hätten nichts zu befürchten.

Der Ring um die Hauptstadt Kabul ist somit mehr oder weniger zugezogen. Präsident Ashraf Ghani hatte am Samstag Sami Sadat, den jungen, ehemaligen Kommandanten des 215. Armeekorps zuständig für den Süden Afghanistans - der mittlerweile praktisch vollständig Taliban-Gebiet ist - zum neuen Sicherheitsbeauftragten für die Stadt Kabul ernannt.

Es ist fraglich, ob der neue Kabul-Beauftragte Sadat noch groß dazu kommen wird, die Kräfte und Verteidigungslinien für die Hauptstadt zu verstärken. Es ist nicht bekannt, wie viele der auf dem Papier rund 300.000 Mann starken Sicherheitskräfte - Armee und Polizei - mittlerweile den Dienst quittiert haben. Am Samstag hatte Ghani in einer Fernsehansprache gesagt, die Sicherheitskräfte „remobilisieren“ zu wollen.

Nach den jüngsten kampflosen Übergaben mehrerer Provinzhauptstädte ist zudem unklar, ob die Sicherheitskräfte in Kabul sich den Taliban widersetzen würden. Weiter ist offen, wie lange sich Ghani angesichts der brisanten Lage noch halten kann. Er hatte am Samstag gesagt, er wolle „bald“ einen Plan vorlegen, um weiteres Blutvergießen und Zerstörung zu verhindern. Auf Spekulationen über seinen Rücktritt war er nicht eingegangen.

US-Präsident Joe Biden warnte die Extremsten vor Übergriffen auf Amerikaner. Seine Regierung habe Taliban-Vertretern in Katar mitgeteilt, dass jede Aktion, die US-Bürger und -Soldaten in Gefahr bringe, „mit einer schnellen und starken militärischen Reaktion der USA beantwortet werden wird“. Das Verteidigungsministerium stockte die Truppen zur Evakuierung von 3.000 auf 5.000 Soldaten auf. Sie sollen dabei helfen, Botschaftspersonal und einheimische Ortskräfte auszufliegen. Die US-Botschaft begann am Sonntag mit der Evakuierung. Erste Mitarbeiter hätten die Botschaft verlassen, der Großteil des Personals sei zum Abzug bereit, teilten US-Vertreter mit.

Auch die deutsche Regierung bereitet unter Hochdruck eine von der Bundeswehr abgesicherte Evakuierungsaktion in der Hauptstadt Kabul vor. Deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sollen zu Wochenbeginn schnell außer Landes gebracht werden.

Außenminister Heiko Maas sagte der „Bild am Sonntag“, dass nun die zügige Evakuierung deutscher Diplomaten und anderer Mitarbeiter das Wichtigste sei. „Wir werden nicht riskieren, dass unsere Leute den Taliban in die Hände fallen. Wir sind für alle Szenarien vorbereitet.“

Nach Informationen der Zeitung fliegt die Luftwaffe schon an diesem Montag mit Militärtransportern vom Typ A400M nach Kabul. Voraussichtlich werde es im usbekischen Taschkent Zwischenlandungen geben. Für die Passagiere soll es dann laut „BamS“ mit Chartermaschinen weiter nach Deutschland gehen.

Die Taliban waren seit dem Abzug der internationalen Truppen nach 20-jährigem Einsatz in Afghanistan zuletzt immer schneller vorgerückt und bis vor die Tore Kabuls vorgestoßen. Noch in der vergangenen Woche hieß es in einer Einschätzung des US-Geheimdienstes, dass die Hauptstadt noch mindestens drei Monate lang standhalten könnte. Die Taliban hatten in Afghanistan bereits von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen Ende 2001 geherrscht und eine sehr strenge Auslegung des islamischen Rechts durchgesetzt.


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