Currentzis macht Rameau in Salzburg zum Rockstar

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Dass ein Konzert, dem Teodor Currentzis den Titel „Sound of Light“ gegeben hat, zu einem Gutteil im Finsteren stattfindet, versteht sich von selbst. Bei seinem zweiten symphonischen Programm in diesem Festspielsommer durfte der Dirigent, der mit seinem „Don Giovanni“ bereits für hitzige Gemüter sorgte, am Samstagabend erneut Ereignishaftigkeit beanspruchen. Rameau - das ist mit musicAeterna mindestens soviel Rock wie Barock, Beat wie Bühne, Stille und stampfende Spielwut.

Ein Konzert als Gesamtkunstwerk und dabei immer zutiefst in der Musik: Das „Sound of Light“-Programm hat musicAeterna bereits 2014 auf Tonträger eingespielt und 2016 nach Wien gebracht, ein dramaturgisch effektvoller Parforceritt durch Rameaus Werk, zusammengestellt als idealer Tanz- und Spielboden für das rasende russische Originalklangensemble, das seinen internationalen Erfolgslauf mit Barockmusik begonnen hat. Die steinerne Kulisse der Felsenreitschule wirkt jedoch wie das natürliche Habitat für dieses Programm.

Man musiziert stehend, tanzend, stampfend, mit dem ganzen Körper und mit einer einzigen Stimme. Bei allen - wirkungsvollen - Schauwerten: Als Ensemble beeindruckt musicAeterna vor allem klanglich, in der durch legendär extensive Probenarbeit erreichten Dichte des Zusammenspiels, in der Intensität, die auch gerne schroff ist, sich den pochenden Rhythmen hingibt und lieber einmal zu oft als einmal zu wenig noch eins oben drauflegt. Dass im bewusst geschaffenen Wechselspiel der Kontraste auch die erschütternde Zartheit - das Entrée aus „Les Boréades“ etwa - gelingt, kann man natürlich als Effekthascherei abtun, wenn man sich in aufklärerischer Mission wähnt, den Mythos Currentzis zu entzaubern.

Oder man erkennt an, dass hier jemand mit mitreißendem orchestralem Musikmachen sein Publikum tief zu berühren und zu Begeisterungsstürmen hinzureißen weiß. Dass jemand mit äußerster Konsequenz eine künstlerische Vision umsetzt, die man nicht teilen muss, um Teilhabe erleben zu dürfen. Currentzis selbst zeigte sich gegen Ende des Konzerts in Plauderlaune und widmete die letzte Zugabe - das Rondeau aus „Les Indes Galantes“ als wohl bekannteste Nummer des Programms - den „Buhrufern“ (es gab keine), die „immerhin ein Ticket bezahlt“ hätten, wie er mitleidig bemerkte.

Auch als Dirigent zeigte sich Currentzis von der flexiblen Seite, ob im humorvollen Geplänkel mit Sängerin Sara Blanch, als Marschtrommler inmitten des Orchesters oder überhaupt still, wenn sich Flöte (Annie Laflamme), Geige (fantastischer Wirbelwind: Konzertmeister Afanasii Chupin), Cello (Alexey Zhilin) und Cembalo (auch beim „Don Giovanni“ am Hammerklavier eine Protagonistin: Maria Shabashova) in der einzig erleuchteten, aber von allen anderen dicht umgebenen Mitte zu delikater Kammermusik treffen. Mehr als bei anderen Programmen von musicAeterna wird im Rameau-Konzert eine kollaborative Leistung sichtbar, die von der Person Currentzis geschürt und gehütet, aber nicht herbeigezaubert wurde.

„Sound of Light“ kommt mit wenig Licht aus, nicht nur aus theatralen Gründen der Atmosphäre, sondern weil Currentzis das Licht als hörbar statt sichtbar begreift. Im Finsteren kommen die Musizierenden auf die Bühne, betreten und verlassen die Szene tatsächlich musizierend und tragen das Leuchten ihrer Klänge wie Fackeln mit sich. Lange Standing Ovations, das Publikum noch jubelnd, als längst alle fort sind. Der Mythos Currentzis ist wohlauf.

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