Missa very solemnis in Salzburg unter Riccardo Muti

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Eine feierliche Angelegenheit, wie schon der Name sagt: Beethovens „Missa solemnis“. Riccardo Muti, seit kurzem 80 Jahre alt und seit 50 von 100 Festspieljahren in Salzburg tätig, hatte sie bisher nie dirigiert. Nun hat er die Coronapause genutzt, um sich gründlich dem Werk zu widmen. Das intensive Studium und die jahrzehntelange Ehrfurcht vor dem Werk mündeten am Wochenende in ein pralles Konzerterlebnis mit hohem Pathosgehalt und langen Standing Ovations: Very solemnis.

Für seine Besteigung des Beethoven‘schen „Mount Everest“ (Mutis Analogie im Programmheft) hat sich der für Perfektionismus und ein strenges Detailregime bekannte Maestro mit den Wiener Philharmonikern die ideale Seilschaft ausgesucht: erfahren im Hochgebirge, geübt darin, auch schroffe Felsformationen, wie sie Beethoven mit zahlreichen Wechseln in Ton- und Taktart auftürmte, mit rundem Wiener Mischklang zu bedecken, nicht zuletzt als Opernorchester bestens versiert, die Gesangsstimmen als Protagonisten des Werks heil durch den steilen Aufstiegspfad zu bringen.

Und so sind es dann auch die stärksten Momente in dieser kirchenuntauglichen Riesenmesse, wenn sich der Sturm von Gloria und Credo gelegt hat, das Benedictus mehrheitlich in solistischen Händen und ein Hauch von Oper in der Luft liegt: wunderbar das extensive Solo von Konzertmeister Rainer Honeck, das Zwiegespräch der Geige mit den Gesangssolisten, unter denen Rosa Feola mit strahlendem Sopran hervorstach und Ildar Abdrazakov mit seinem sonoren Bass zur Einkehr mahnte. Da ist der Operndirigent Muti als Meister der Abmischung da, wo er gebraucht wird, und seine genaue Arbeit an Phrasierungen und ausgeleuchteten Details gut hörbar.

In den wuchtigeren Teilen der Messe kommt diesem Mikrokosmos allerdings immer wieder die Feierlichkeit an sich in die Quere. Breite Tempi, große Volumina, eine Getragenheit, die großer Anlässe würdig, aber dem Hinein- und Hinterherhören in Beethovens getriebene, ringende Komposition eher nicht zuträglich ist, verschütten dabei mitunter Kostbares - nicht zuletzt, vielfach, die Textverständlichkeit. Dabei betont Muti in seinem Beitrag zum Programmheft, man müsse in der Missa solemnis vor allem „dem Text folgen“, der „das Tor zum Verständnis“ bilde. Wie ernst Beethoven den Messtext nahm, wie treu er ihm folgte, wie tief er ihn zu verstehen trachtete, ist hinlänglich überliefert. Im Konzert ist diese textliche Auseinandersetzung allerdings mehr Lese- als Hörerlebnis.

Im Sommer seines von Corona arg entstellten Jubeljahres zum 80er musste Riccardo Muti das Gastspiel seines Chicago Symphony Orchestra in Salzburg absagen, seine wichtigsten Feierlichkeiten, etwa das Geburtstagskonzert an der Mailänder Scala, bestritt er allerdings mit den Wiener Philharmonikern, denen er ebenso wie den Festspielen seit 50 Jahren eng verbunden ist. Der Mount Everest ist jedenfalls geschafft - und er wäre nicht Riccardo Muti, wenn er nicht auch am 8.000er schreiten statt klettern würde.

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