„Intolleranza“ in Salzburg als Schrei der Hunderten

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Ein Schrei. Musik geworden, Tanz geworden, Bühne geworden und auch Schrei geblieben. Luigi Nonos Menschlichkeits-Anklage „Intolleranza 1960“ wurde in der Regie von Jan Lauwers am Sonntagabend als zweite szenische Opernneuproduktion dieses Festspielsommers gezeigt. 167 Performer bevölkern die Bühne der Felsenreitschule. Es wird gefoltert und misshandelt, länger und härter als Theater das sonst tut. Das Premierenpublikum brauchte ein paar Augenblicke, ehe es loszujubeln begann.

Luigi Nonos Musik - suggestiv, unerbittlich, hochdramatisch - wurde von Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker, vom Sängerensemble und dem szenisch über alle Maßen beanspruchten Staatsopernchor in einer klirrenden Klarheit und klanglichen Qualität dargebracht, die Festspielcharakter im besten Sinne hat. Und es ist die Qualität der Musik und der wild-lebendigen szenischen Umsetzung, die den Abend durchwegs davor bewahrt, künstlerisch profanem Polit-Aktivismus anheimzufallen.

Einen Skandal samt Störaktionen von rechten Aktivisten, wie ihn „Intolleranza“ bei seiner Uraufführung 1961 in Venedig ausgelöst hat, wird das Stück 60 Jahre später nicht mehr entfachen. Der gesellschaftliche Konsens, dass Ungerechtigkeit unausweichlich und Menschenwürde keine Selbstverständlichkeit ist, hat heute wenig Provokationspotenzial. Dennoch ist die Produktion in ihrer Brutalität, ihrer physischen An- und Übergriffigkeit auf Seh- und Hörorgane für ein Klassikfestival vom elitären Zuschnitt der Salzburger Festspiele ein Risiko, ein Widerspruch, den man erst einmal aushalten muss.

Jan Lauwers hat das Libretto um einen blinden Poeten ergänzt und ihm einen Monolog angedichtet, der das eigentlich keiner Aktualisierung bedürfende Stück noch bissiger ins Heute holt. Schallendem Gelächter gegenüber erzählt der Poet von Menschen, die Geschichten hören wollen, aber nicht die Wahrheit. „Intolleranza“ ist zugleich unbequeme Poesie, verzweifeltes Plädoyer und düstere Prophezeiung.

Viel Applaus, insbesondere für Sean Panikkar und Sarah Maria Sun in den herausfordernden Gesangs- (und Tanz-)Partien und ein paar wenig motivierte Buhrufe für Lauwers.

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