Fast 1.300 Tote bei schwerem Erdbeben in Haiti

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Nach dem schweren Erdbeben in Haiti ist die Zahl der Todesopfer auf fast 1.300 gestiegen. Bisher seien 1.297 Leichen geborgen worden, teilte die Katastrophenschutzbehörde am Sonntag mit. Hunderte weitere Menschen werden noch vermisst, mehr als 5.700 Menschen wurden bei dem Erdstoß der Stärke 7,2 am Samstag verletzt. Das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) rechnete mit steigenden Opferzahlen und Verlusten.

Die Erschütterungen richteten schwere Schäden an. Unzählige Gebäude stürzten ein, darunter ein mehrstöckiges Hotel in der Stadt Les Cayes. Unterdessen rückt der Tropensturm „Grace“ auf den bitterarmen Karibikstaat zu. Er soll am Montagabend mit heftigen Regenfällen auf Land treffen und dürfte die Rettungs- und Sucharbeiten zusätzlich erschweren.

Das Erdbeben suchte Haiti zu einem Zeitpunkt heim, in dem das bitterarme Land mitten in einer schweren politischen Krise steckt. Diese war durch die Ermordung von Präsident Jovenel Moïse Anfang Juli ausgelöst worden. Das Zentrum des Bebens der Stärke 7,2 lag nahe der Ortschaft Petit Trou de Nippes, etwa 150 Kilometer westlich der Hauptstadt Port-au-Prince, in einer Tiefe von zehn Kilometern, wie die US-Bebenwarte USGS mitteilte. Es war bis Kuba und Jamaika zu spüren. Das Hauptbeben ereignete sich morgens gegen 08.30 Uhr Ortszeit, es folgten mehrere Nachbeben. In Port-au-Prince wurden Augenzeugen zufolge zunächst keine größeren Schäden beobachtet. Eine anfängliche Tsunami-Warnung wurde wenig später aufgehoben. .

Das Beben richtete in mehreren Städten schwere Schäden an. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, darunter ein mehrstöckiges Hotel in der Stadt Les Cayes. Zahlreiche Einwohner beteiligten sich an den Bergungsarbeiten. Dank der raschen Reaktion von Rettungskräften und Bürgern seien viele Verschüttete lebend geborgen worden, teilte der Zivilschutz mit. Regierungschef Ariel Henry rief einen einmonatigen Ausnahmezustand in den vier von dem Beben betroffenen Verwaltungsbezirken aus. Er appellierte an die Bevölkerung, „Solidarität zu zeigen“ und nicht in Panik zu geraten.

In der vom Beben betroffenen Region gibt es allerdings nur wenige Krankenhäuser. Das Gesundheitsministerium entsandte zwar Personal und Medikamente, doch wurden die Hilfseinsätze durch die prekäre Sicherheitslage erschwert. Die einzige Straßenverbindung in die Katastrophenregion führt durch das Armenviertel Martissant von Port-au-Prince, wo seit Anfang Juni kriminelle Banden die Kontrolle übernommen haben.

Die Rettungsarbeiten könnten durch Tropensturm „Grace“ zusätzlich behindert werden. Nach Angaben des US-Wetterdienstes sollte „Grace“ am späten Montag Haiti erreichen und für schwere Regenfälle und Sturzfluten sorgen.

Das Erdbeben war sogar noch etwas stärker als das verheerende Beben vom Jänner 2010, bei dem in Haiti mehr als 200.000 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 300.000 weitere verletzt worden waren. Rund 1,5 Millionen Menschen wurden damals obdachlos. Der Schaden an Wohnhäusern und Infrastruktur war immens.

Haiti - der ärmste Staat des amerikanischen Kontinents - hat sich bis heute nicht von den Folgen des damaligen Bebens erholt. Noch tiefer in die Krise rutschte das Land dann seit dem vergangenen Jahr durch die Corona-Pandemie, die Zunahme der Bandenkriminalität und den Mordanschlag auf Präsident Moïse.

Die USA boten Soforthilfe an. Es mache ihn „traurig“, dass Haiti in einer ohnehin schwierigen Zeit von einem Erdbeben getroffen worden sei, erklärte Präsident Joe Biden. Nach seinen Angaben wollen die USA bei der Bergung von Verletzten und dem Wiederaufbau helfen. Auch mehrere lateinamerikanische Staaten sowie Spanien stellten rasche Hilfen in Aussicht.

„Frankreich bleibt an der Seite von Haiti und von dessen Volk und hält sich bereit, um zu unterstützen“, erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Sonntag auf Twitter. „Unsere Gedanken sind bei denen, die einen Angehörigen verloren haben oder die ihre Häuser und einen Teil ihres Lebens haben einstürzen sehen.“ Haiti war ab 1697 eine französische Kolonie. Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1804 waren die Beziehungen zwischen beiden Staaten oft gespannt.

UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, er habe mit großer Betroffenheit von den tragischen Verlusten an Menschenleben und Verletzungen erfahren. Die Vereinten Nationen unterstützten die Bemühungen der Regierung, den von dem Erdbeben Betroffenen zu helfen.

Auch Papst Franziskus äußerte Anteilnahme: „Ich möchte meine Nähe zu diesen liebenswerten Einwohnern zum Ausdruck bringen, die so hart von dem Erdbeben getroffen wurden“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem traditionellen Angelus-Gebet am Sonntag in Rom.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Menschen ihr „tief empfundenes Beileid“ aus: „Mein besonderes Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer und all jenen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Den Verletzten wünsche ich eine schnelle Genesung“, hieß es in einer Mitteilung vom Sonntag.

Das Österreichische Rotes Kreuz gab in einer Aussendung am Sonntag bekannt 75.000 Euro aus dem Katastrophenfonds zur Unterstützung der Opfer bereitzustellen. „Bitte helfen auch Sie“, forderte Generalsekretär Michael Opriesnig. Das Erdbeben trifft jene Region, die schon 2016 von Hurricane Mathew stark betroffen war. „Wir befürchten, dass die Anzahl der Opfer und Verluste nach oben korrigiert werden muss. Die Spitäler sind bereits jetzt überlastet und zahlreiche Nachbeben erschweren die laufenden Tätigkeiten stark“, prognostizierte Opriesnig.

Auch die Caritas rief zu Spenden auf. „Die Menschen sind in dieser unsicheren Lage umso dringender auf Hilfe von Außen angewiesen“, so deren Präsident Michael Landau am Sonntag in einer Aussendung. „Jede Spende wird jetzt dringend gebraucht.“ Man sei in Kontakt mit den Partnerorganisationen, um die Lage einschätzen zu können sowie Unterstützung zu planen, so Michael Landau.


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